von #jauch , dem #aufschrei und der Veränderung

- Die wichtigsten Fragen verfallen lassen, den Kern ignoriert und Blödsinn verbreitet- das war #jauch
So lautete meine Twitterzusammenfassung der Sendung:
“ein Herrenwitz mit Folgen- Hat Deutschland ein Sexismusproblem?”.
Allein der Titel hätte uns wohl Warnung sein können.

Mir rauscht ein Film durch die Adern, ein rasend wütendes Innen klebt an meinem Rücken und das ohnmächtig-vielstimmige Jaulen in Kopf, Brust und Bauch erschwert mir das Denken.

Ich habe so viele Fragen. Und ich habe sie noch.
Und sie werden wieder irgendwo verhallen, ohne, dass ich eine Antwort bekomme, die mir hilft etwas für mich zu erklären.

Die Welt zu erklären, die Menschen zu erklären.

Da gibt es einen riesengroßen #Aufschrei
60.000 Tweets vom Blick in den Ausschnitt bis zur Gruppenvergewaltigung und was passiert in der eilig zusammengeschusterten Sendung mit Günther Jauch?

Die viel zu leise Frage von Alice Schwarzer “Wollen wir das nicht mal ernst nehmen?”
Die deutliche Frage von Anne Wizorek “Was ist so schwer daran, sich zu reflektieren?”
Die Ansage von Frau Koch-Mehrin “Es geht um respektvollen Umgang miteinander”

- die alle miteinander untergingen, nicht aufgegriffen und diskutiert wurden.
Einzig um sich dem reaktionären Allgemeinwischiwaschi hinzugeben.
Opium fürs Volk? Tss!
Nein!
Nur für jene, die die Frage von Frau Bruhn “Wer ist “wir”?” für eine Totschlagfrage halten. Die die Geschlechter der Menschen auch zu Kennzeichen zweier Spezies machen. Die sich auch hinstellen und tausenden und tausenden von Sexismus (und implizit sexualisierter Gewalt) direkt betroffenen Menschen mehr oder weniger offen verächtlich ins Gesicht sagen: “Es wird sich nichts verändern”.

Doch es wird sich was verändern!

Allein die Tatsache, dass ich nicht mehr nur den Zweifel spüre, ob ich es mir als Betroffene erlauben darf, mich zu öffnen, sondern nun auch noch offene Empörung, über die Aussagen von  Personen des öffentlichen Lebens, die die Existenz eines gesellschaftlichen Desasters beinahe negieren- allein das ist eine Veränderung.

Sie passiert in mir und das allein hat keine Auswirkungen, doch was ist mit den zig tausend Menschen da draußen? Was ist mit denen, die überhaupt gar keinen Twitteraccount besitzen und nun auf der Webseite http://alltagssexismus.de/ aufschreien? Was ist mit jenen, die nicht im Internet aufschreien, sondern für sich allein?

Ich habe durch die Aktion endlich endlich endlich wirklich und in echt gesehen, dass ich nicht allein bin. Dass meine Geschichte sowas von nicht unnormal, krank und auch nicht einzig subkulturell begründet ist, sondern ein Symptom für ein Ungleichgewicht, unter dem nicht nur ich leide oder Menschen mit meiner Diagnose oder die BehandlerInnen und HelferInnen, die ich bis jetzt kennengelernt habe .

Keiner, der nicht selbst so betroffen ist, kann sich vorstellen, was das für einen krassen Umbruch in mir auslöst. Was es mit mir gemacht hat, in meiner Timeline gleich entsetzte, gleich angewiderte, gleich empörte, gleich zynische, gleich verletzte, gleich traurige Kommentare auf das, was sich dort zeigte zu lesen. (Nachdem ich viele Jahre gar nicht erst in der Lage war, überhaupt diese Art der Verbundenheit auszuhalten)

Seit Freitag schießen mir on demand Erinnerungen in den Kopf und ich wusste bis heute nicht, wieso sie mich so vergleichsweise wenig aus der Bahn geworfen haben.
Es war einfach nur die Möglichkeit und das Wissen: “Hey- da im Internet, kannst du das verhackstückeln- aufs Wesentliche bringen und komplett anonym einfach nur rauslassen. Da ist jemand den es interessiert, weil es ihn interessiert und wütend macht- nicht weil er dafür bezahlt wird.”
Auf der Website ist es sogar noch besser, weil dort explizit steht:

Das können Kleinigkeiten sein, die sich wie Alltag anfühlen oder sexualisierte Übergriffe und Gewalt, Sachen, die euch lähmen oder aufregen, die euch nerven oder stören. Beschreibt sie so lang oder kurz, wie ihr wollt — gerne anonym. Sexismus ist keine Bagatelle, sondern ein ernsthaftes Problem, das wir nicht akzeptieren wollen.

Eure Geschichten helfen, darauf aufmerksam zu machen

Es kommt keine Antwort, keine Wertung, kein Kommentar. Ich muss keine Blicke aushalten, keine zuckenden Muskeln unter Haut eines Gegenübers, das sich so bemüht dieses wegzubewegen. Ich kann mich da zumuten, weil es nicht auffällt unter den ganzen Leuten und weil mich niemand an die Gefühle/ Innens dazubringt. Und weil ich das Gefühl habe, es hilft jemandem.

Dort bin nicht die “eine mit Vielen in mir drinnen”.
Dort bin ich einer von vielen Menschen, die unter der gleichen Sache leiden.

Ich hatte noch viel zu selten- in nun über 10 Jahren Therapie bzw. Wissen um die Ursache für meine Probleme, die Möglichkeit so intensiv zu fühlen, dass ich nicht allein bin. Die Möglichkeit etwas vom Schlimmen zu sagen.

Die Möglichkeit aufzuschreien.

Immer wenn mich jemand verletzte und sich meiner einfach bemächtigte.
Immer wenn die Krankenkasse die Kostenübernahme für meine Therapie einstellte, eine Klinik mich nach gerade 6-8 Wochen “Traumatherapie” entließ, mir Perspektiven für eine Zukunft in  Autonomie und Sicherheit verbaut wurden, dachte ich, es läge an mir.
Nicht genug angestrengt.
Nicht genug und doch immer zu viel.
Zu minderwertig, um einen kleinen Anteil am Leben “der Anderen” haben zu dürfen.

So deutlich vor Augen geführt zu bekommen, dass meine beschissene und immernoch
qual(en)volle Lebensrealität für manche Menschen ganz offen inexistent, vereinzelfallt oder laut Karasek (der anscheinend (- ich habe ehrlich gesagt kaum Kontext erfassen können in seiner Rede) vertrat, dass Frau jawohl Vergewaltigungen auch wünschten und MANN den Erfüllungwunsch nicht immer vorhersehen kann) auch noch selbst verursacht ist, das ist wie ein Paukenschlag.

Es ist gesagt, was ich immer dachte und doch vor mir selbst relativierte mit dem Hinweis auf meine innere Gefangenschaft. “Komm- du interpretierst! Verlass dich auf die Worte allein, denn sie sind objektiv!”

Ich sitze nicht hier und schaue meinen Augen beim Weinen zu, lasse ein Kind an meinem Daumen lutschen und dabei meine Wange von einem Schwanenflügel streicheln, weil ich unter dem leide was die Gewalt aus mir gemacht hat.

Sondern weil ich ahne, was genau dafür gesorgt hat, dass es überhaupt passieren konnte und ich sehe, weshalb so drängende Fragen, wie die nach der gesellschaftlichen Verantwortung, die wir Menschen füreinander haben; die nach der Nächstenliebe, auf allen Ebenen oder auch die nach dem Maßstab für das eigene Leiden, schlicht noch nicht ausdiskutiert und beantwortet wurden.

Die Welt da draußen hat sich noch nicht verändert.
Aber meine in mir drin schon.

Und das Morgen erwuchs bisher immer aus dem, was im Heute gepflanzt wurde.

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18 thoughts on “von #jauch , dem #aufschrei und der Veränderung

  1. Moin,
    Auch wenn dein Anlass für einen Post bei diesem Thema ein sehr trauriger ist, freue ich mich das dieses öffentliche Thema dir nun vielleicht weiterhelfen kann bei deiner inneren Wandlung. Ich glaube selbst auch das man manche Schritte erst gehen kann, nachdem man bestimmte Sachen selbst erlebt hab. Bei dir mag dies nun dieses Erleben von Öffentlichkeit sein. Du schreibst es ja selbst auch schon. “und das Morgen wuchs aus dem, was im Heute gepflanzt wurde.” 

    Gruß
    Bao

  2. Schön dich zu finden und mich mit dir verbunden zu fühlen, weil ich das so gut kenne, was du erzählst. Schön deinen Beitrag zu lesen und mich nicht mehr so allein und so wütend zu fühlen, nachdem ich gerade wieder mit denen konfrontiert wurde, die sagen, stell dich nicht so an und wenn’s dich stört angeschaut zu werden, zieh dich doch unauffälliger an.
    Ich danke dir dafür.

  3. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Sachen an dieser Aufschrei-Geschichte (hoffe ich jedenfalls), und fiel mir auf, als ich deinen Artikel gelesen habe: die Botschaft, dass man weder alleine, noch paranoid ist. Und danke für den “Wie nennt man Menschen, die es einfach geil fänden, wenn sich alle als Menschen respektieren würden?”-Tweet – ich suche das Wort auch. Vielleicht sollten wir eins erfinden.

  4. “Vereinzelfallt” dieses Wort drückt es so gut aus, was diese ganze Sexismusdebatte zuvor ausgemacht hat. Und mir gefällt was ihr aus den Geschehnissen der letzten Tage für euch an Gutes herausziehen könnt <3

    • mir auch :mrgreen:
      Auch wenn ich weiß, dass es jetzt ein Höhenflug ist und die BÄÄÄMsche Keule auf jeden Fall noch kommen wird- der Same ist gesät und mit etwas Glück, hat er die Qualitäten einer Ruderalpflanze ;-)

  5. Pingback: Statt vieler Worte lieber eine Linkliste und Tweets zu #aufschrei > Social Media > aufschrei, Sexismus, Twitter

  6. das ist gut, das ist wahnsinnig gut, was du da sagst und dass du es sagst. und ich verinnerliche deine letzten drei sätze, und ich hoffe, ich bin weder die einzige noch die letzte.

  7. So so so gut. Ich hab fast geheult, so sehr hat mich das berührt.

    Ja und bei der Sendung bin ich fast geplatzt. Kann doch nicht wahr sein, hab ich gedacht. Echt. Und Du findest Worte dafür… Großartig. Danke :)

  8. Pingback: Artikelsammlung #Aufschrei | zeitrafferin

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  10. Pingback: Endlich werden die Täter genannt | Der Aufschrei

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