Jetzt schreibe ich hier und lasse dabei Wasser auf den Boden tropfen.
Lufttrocknung fürs Haar. Schädigt nicht so sehr wie Föhnen und frisst keinen Strom.
Ich stehe. Ich schreibe im Stehen, wie ich das seit einem dreiviertel Jahr immer mache. Tut einfach nicht so weh. Sitzen ist Luxus oder Anpassungsbemühen. Früher standen wir viel, weil es angeblich eine Kalorie mehr pro viertel Stunde verbraucht.
Stehen ist schonender. Schädigt nicht so und hilft bei der Heilung.
Ich war duschen. Naja, der Körper wurde unter die Dusche gestellt und gesäubert.
Es ist nicht mein Körper.
Je älter ich werde, desto mehr wird das Gesicht zu dem der Mutterfrau. Ich schaue einfach nicht mehr in den Spiegel, schminke mich nur selten; betrachte Pickel und wild wuchernde Augenbrauen als Nebenschauplatz der Natur.
Es ist nicht mein Körper.
Von je her gehörte er anderen Menschen.
Ich benutze ihn, wie sie. Nutze seine Fähigkeiten und alles Potenzial in ihm, wie ein Werkzeug.
Die BÄÄÄMs machen ihn zur Arena ihrer Kämpfe. Sie verletzen ihn, lassen ihn hungern, dursten. Stopfen ihn voll, und erzwingen seine Leerung. Reizen jede Möglichkeit bis zum Ende aus und lassen ihn dann liegen, wie ein benutztes Taschentuch.
Wir duschen nur 2 Mal in der Woche.
Ressourcenschonung ha ha
Katzenwäsche erfolgt 2 bis 3 Mal täglich – soviel zu Ressourcen
Niemanden interessiert dieses vernarbe, dicke Teil, dass uns durch die Weltgeschichte trägt, wie eine dieser Plastiktüten, die man im Zooladen bekommt, wenn man Aquarienfische gekauft hat. Wir haben niemanden, der ihn schön findet und benutzen will.
Gar niemanden außer uns.![]()
Es gibt ein Innen, das ihn ab und an verschenkt. Doch inzwischen ist die stetig vor sich in schwelende Verletzung, selbst für dieses Innen zum Hindernis geworden. Sein Instrument geht kaputt.
Unser Instrument? Ist es unseres? Ist es unser Körper, weil wir ihn benutzen?
Wir benutzen auch die Toilette, die Gehwege draußen, neben der Straße. Die Straßenbahn, die Luft die uns umgibt und trotzdem würden wir nicht behaupten, dass uns diese Dinge gehören. Wir haben sie nicht gekauft, nicht gebaut oder sonst irgendetwas dafür getan, dass es sie überhaupt gibt.
Das Gleiche gilt für den Körper.
Seine Entstehung war gar nicht geplant und vermutlich überhaupt erst gewünscht, als er da war und klar wurde, dass er nutzbar ist.
Wenn wir unter die Dusche gehen, dann bedeutet das meistens etwa 20 Minuten Hölle. Oder Reorientierung. Von der alten Hölle in die Gegenwärtige. Oder von der alten Hölle in ein Leben, in dem man ab und an gezwungen ist, bekleidet unter fließendem Wasser zu stehen.
Wir benutzen eine Seife, die schön riecht. Wir mögen Seifen, weil sie keinen schleimig glitschigen Film auf der Haut hinterlassen und weil sie auch ohne ökologisch fragwürdige Mittel produziert werden können. Ein Shampoo, das die Haare gut riechen und kämmen lässt, benutzen wir auch.
Alles ohne Schnickschnack.
Wir benutzen keinen körperverschönenden Schnickschnack, dann brauchen wir auch keine Reinigungsprodukte mit Schnickschnack.
Es könnte auch ein Duschen ohne Schnickschnack sein.
Ausziehen, drunter stellen, nass werden, einseifen, abspülen, abtrocknen, anziehen, fertig. In 5 Minuten durch.
Bei uns ist es:
Erlaubnis von innen abwarten
In ein Badezimmer gehen, das man nicht abschließen kann (das Haus und die Tür sind alt- irgendein Vormieter hat den Schlüssel wohl mal mitgenommen und auf den Ersatz warten wir bereits seit dem Einzug letztes Jahr)
das Kippfenster verhängen, damit die Nachbarn nicht hinsehen können
den Handtuchschrank vor die Tür schieben
sich aus den Kleiderschichten schälen
die Wundauflagen abreißen
und ein Sturzflug in die Dissoziation
20 Minuten später überlegen, ob die Wundversorgung vernünftig gelaufen ist und darauf warten, wann die innere Erlaubnis kommt, sich um die Versicherung dessen zu kümmern
verdissoziieren, ob man es nun getan hat oder nicht
Fertig anziehen und nun, wo es langsam wieder wärmer wird, darüber nachdenken, ob man vielleicht eher jemanden findet, der den Körper haben will, wenn man sich die Beine rasiert und keine Strumpfhosen mehr trägt
Darüber nachdenken, ob man die Haare doch verkauft, sich vielleicht doch öfter mal schminkt und sich angucken lassen will… vielleicht mal in Kleidung, die etwas mehr als nur Verpackung ist…
Häme von innen, bestätigt von Werbefotos, Film- ,Fernseh- und irgendwie auch eigenen Idealen, markiert das Ende dieser Überlegungen und der Körperwidmung allgemein.
Es ist Instrumentenpflege eigentlich. Aber für wen und wozu- von Hygiene einmal abgesehen.
Das eigene Ideal weicht maximal von den biologischen und auch finanziellen Möglichkeiten ab. Zuletzt habe ich vor einem Jahr ein neues Kleidungstück gekauft. Eine weiße Bluse für 1,99€ im Laden für Second- Hand- Güter. Ich besitze Schuhe, die alle älter 7 Jahre sind und nur eines davon ist noch wasserdicht. Es ist das Paar, dass ich trage, wenn ich zu Terminen gehe und möglicherweise angeguckt werde. Das ist mir wichtig. Ich möchte nicht so arm aussehen, wie ich bin. Ich möchte meine Hässlichkeit nicht gesehen haben.
Die Menschen sollen sehen, was sie sehen, wenn sie andere Menschen ansehen.
Ich mache das für sie und nur auf der Ebene des Sichtschutzes für mich.
Früher wollte ich, dass andere Menschen meine Verletzungen sehen. Ich schnitt nicht umsonst die Unterarme, statt andere, weniger einsehbare, Bereiche des Körpers auf. Sie sollten es alle sehen. Mein Leiden, meinen Schmerz, meine Not. Sie sollten es sehen und mir helfen, wenn sie schon mein Weinen, die Misshandlung an mir nie sahen, dann wenigstens das.
Heute habe ich mehr in meinem Leben als den Schmerz durch Gewalt von außen. Heute sollen die Menschen auch das sehen. Doch welche Uniform tragen Menschen wie ich?
Was ich bin und was ich kann, ist unsichtbar. Kann nicht durch das Aussehen des Körpers transportiert werden, sondern ausschließlich von dem, was darin ist und dem was andere davon subjektiv wahrnehmen.
Mein Instrument taugt nur wirklich zu dem, wozu es benutzt wird.
Zum Leben.
Zum Gefäß meines Seins.
Das Sein, das es mag, wenn der Hund sich an ihn schmiegt. Das froh ist, um die Fähigkeit Texte zu produzieren um Inneres nach außen zu tragen. Das das Gefühl von Sonne mag, den Anblick der Natur, das Lachen, das Laufen, den Geschmack von Schokolade auf der Zunge, den Regen im Gesicht, das helldunkelbunte Glänzen der langen Haare, Musik, die bis in die kleinste Faser dringt… Das Sein, das gar nicht hässlich und eklig sein kann, weil es nicht so ist, wie der Körper. Das Sein, das froh ist, inzwischen so weit mit dem Körper verbunden zu sein, dass es diese Dinge spüren kann.
Doch wie oft habe ich gehört, ich sei hässlich? Nicht: Ich sähe hässlich aus.
Wie oft drangen Worte an mich, die mein Sein als abstoßend, zerstörenswert und dreckig benannten? Dabei war mein Sein nie mehr Dreck ausgesetzt als den dieser Worte.
Mein Körper hat diese Verbindung hergestellt. War der Verräter, der es nicht vermochte, mich davor zu bewahren damit konfrontiert zu sein. Er ließ doch diesen Hass zu mir durchdringen.
Oder wurde nicht vielleicht doch zu einem Instrument der Gewalt?
Wurde auch auf dieser Ebene nur benutzt, um mich zu ver-gewalt-igen?
Ich muss in diesem Körper leben. Lebe nur, weil er lebt.
Immer noch.
Wir alle müssen mit ihm zurecht kommen, egal welchen Platz wir ihm einräumen, was wir ihm zu gestehen, in wessen Hände wir ihn abgeben oder nicht. Das Schlimme daran ist für mich nicht, dass wir seine Existenz sichern müssen, um weiterhin zu leben, sondern die Tatsache, dass genau dies von meinem eigenen Innenleben und auch von dem Umfeld in dem wir leben, zur Definitionsfrage gemacht wird.
Ich denke immer wieder, dass ich für die Werbebranche eines der denkbar ungünstigsten Ziele bin, weil ich weder so aussehe wie die Menschen, die verschiedene Produkte be- (und er-) werben, noch in der Lage bin eine entsprechende Lebensrealität für mich zu erschaffen, in der mir weiche Haut, makelloses Make-up, lebenslange Dauerdiät und das wohlwollende Angeguckt werden wichtig sind. So wichtig, dass ich diese Produkte kaufe und ein Leben gemäß der Werbeversprechen führe.
Langsam beginne ich sogar für die BÄÄÄMs eine Art Bedauern zu empfinden, weil es mir vorkommt, als sei ihre Lebensrealität sogar von der Wahrnehmung dieser äußeren Möglichkeiten und Ansprüche unglaublich weit entfernt. Sie malträtieren diesen Körper- obwohl (und auch gerade weil) sie mitten drin stecken. In ihrem Denken gibt es, so verstehe ich ihr Geschrei, ihr Sein als einziges Zentrum. Völlig frei von fleischlich- körperlicher Existenz. Das Wissen darum, dass es den Körper gibt und, dass sie darin leben, haben sie. Sie wissen, dass auch sie mit dem biologischen Ende keine Handlungsmöglichkeiten mehr haben.
Doch das tut ihren Bemühungen keinen Abbruch. Sie existieren auch dann. Definieren das Leben als etwas, dass die alleinige Existenz eines- ihres- Seins beinhaltet. Nicht die Metabolisierung die der Körper vornimmt.
Ich bedauere das auf eine Art, weil ich denke, dass es für sie auf dieser Ebene des Da-seins keine anderen Empfindungen zu geben scheint, die mehr als das was und wer sie sind beinhaltet. Sie sind komplett auf sich angewiesen. Können nicht auch von den guten, schönen, wohligen Einflüssen, die der Körper nach innen zu leiten in der Lage ist, profitieren.
Irgendwie denke ich mir, dass es für sie so ähnlich sein muss, wie für mich früher. Eine ewig anhaltende Suppe aus Einflüssen die von außen auf mich und mein Sein einwirkte und wie Dreck an mir kleben blieb, obwohl ich mich vom Körper immer weiter entfernte.
Heute bin ich eigentlich ganz gern im Körper drin. Ich mag die Dinge, die ich vorhin aufgezählt habe, wirklich sehr gern und manchmal schaffe ich es sogar sie zu genießen. Aber die Instrumentalisierung des Körpers bekomme ich nicht weg.
Obwohl ich schon beim Schreiben gemerkt habe, wie grässlich es eigentlich klingt, wenn ich schreibe “Ich habe niemanden, der meinen Körper haben und benutzen will” oder auch, weil die BÄÄÄMs diesen Körper tatsächlich noch auf die gleiche Art und Weise zum Instrument zu einem mir unergründbaren Zweck machen und ihn dabei schwer misshandeln, wie jene, die auch mich früher misshandelt haben und mir dabei ebenfalls nicht gesagt haben warum.
Es würde mich interessieren, ob sie, wenn sie in den Spiegel schauen und die Mutterfrau erkennen würden, das Gesicht des Körpers vielleicht anstelle von mir mögen würden.
Und vielleicht für mich dafür sorgen könnten, unseren Körper weniger als Instrument, denn als echten Teil von uns anzunehmen. Ich frage mich, ob das funktionieren würde.
Und frage mich, ob wir noch die Chance haben genau das auszuprobieren, bevor der Körper unter den Folgen der Gewalt verstirbt und nur die Teile von uns, die wir alle mit unserem Schreiben und Wirken in die Welt gesetzt haben am Leben bleiben, die genau das gewünscht haben.