Präsenz _da_ sein_ lassen

GlockenblumeIch saß auf dem Hügel aus Mutter_Erde und hielt die Hände eines Kinderinnens. Wir pusteten Seifenblasen in den Himmel beobachteten ihr Farbenspiel. 

Mittendrin hatte ich eine Art Epiphanie.
Da war wieder das Gefühl, ein Teil einer Umgebung, die einfach nur _da_ ist und nichts von mir will, nichts mit mir tut, nichts an mich heranträgt, weil ich da bin, sondern, weil ich ein Teil des gemeinsamen Raumes bin, zu sein. Dieses Schwindelgefühl, diese Art fernfremde innere Vibration auf das Bewusstsein: “Hier ist nichts, dass dich deines Seins versichert- du _bist_, wie alles andere auch _ist_ “ und die Erkenntnis: “Ich bin nicht, wo ich sein sollte, ich bin nicht, wer ich sein sollte, ich bin nicht für oder wegen etwas da – ich _bin einfach nur da_ und das bedeutet REIN GAR NICHTS.”

Ich weiß nicht, wie viel von meinem Text über Präsenz verständlich ist. Aber ich denke inzwischen, dass es fundamental ist, sich bewusst zu sein, dass jeder Mensch und alles was Menschen ausstrahlen, tragen und weitergeben, einfach immer erst einmal _ist_ und vielleicht einfach gar nichts weiter bedeutet, als, dass dort jemand oder etwas _ist_.

Ich habe in den letzten zwei Wochen viel darüber nachgedacht, was es mit meinem Retter* damals auf sich hatte.
Wieso er mich nicht einfach hat lassen können. Wieso mein Sein in seinen Augen nicht so bleiben durfte. Wieso meine Zufriedenheit nicht anerkannt war.
Ich hatte der Therapeutin gesagt, dass ich der Raum war, in dem ich war. Ich war es, dessen Rand mein Retter eingetreten hatte, um mich zu bergen. Diese Rettung damals ging mit einer Verletzung einher und niemand hat es gesehen. Weil niemand gesehen hat, was ich als mich betrachtet habe. Weil niemand gefragt hatte. Weil ich keine Worte in gemeinsamer Sprache hatte. Weil man nicht blutet, wenn man ein Raum-Sein ist, das verletzt wurde.
Ich hatte keine andere Wahl, als sein Eindringen als einen Angriff wahrzunehmen. Nicht nur, weil ich nur an Stille und simmernde Dunkelheit gewöhnt war und mich jedes seiner Signale angeschrien hat.

Vielleicht, das überlegten wir in der Therapie, weil das Gehirn in meinem Kopf nie die Chance hatte einfach nur _ da_ zu sein und darin respektiert und gelassen zu werden. Weil es vielleicht einfach nie okay war zu _sein_ .
Natürlich muss ich bis heute immer denken, alles was passiert, geschieht, weil ich nicht richtig bin.
Es kommt ja auch nie jemand daher und knallt mir eine, weil ich _da_ bin, sondern, “weil …”
Es passiert allgemein selten, dass GewaltäterInnen* sagen: “Ich habe XY misshandelt, weil sier* existent (_da_) ist”. Viel häufiger kommt: “Ich habe XY misshandelt, weil  XY das Falsche getan/gedacht hat “;  “weil XY falsche Merkmale/ falsche Charakteristika hat”; “weil ich dachte, XY denkt/macht/fühlt/glaubt… “ (und dies auf eine Unfähigkeit bei mir stieß, damit anders umzugehen).”

Es ist verboten und verpönt zuzugeben, dass einen das bloße Dasein von Individuen einfach nur ankotzt. Es ist ein Tabu, weil es so simpel ist. Weil da exakt 0 Spielraum für Schuldtamtam ist.
Wenn jemand jemanden tötet, weil er existent ist, dann kann schlicht niemand sagen, das Opfer trage eine Mitschuld. Niemand kann etwas für sein Leben.
Niemand kann darum bitten oder beeinflussen welche Eizelle, wann von wem befruchtet wird und sich dann so entwickelt, dass er oder sie oder * selbst entsteht. Das geht einfach nicht.

An meinem Sein und dem, was es in der Umgebung, in der ich nun einmal war, ausstrahlte, war alles in Ordnung.
Nichts von mir Transportiertes allein hat eine Legitimation ergeben zu tun, was mein Retter* tat, sondern der Kontext, in dem er meine Signale wahrgenommen und gedeutet hat. Ich muss ihm die Verantwortung an meinen Verletzungsgefühlen nicht abnehmen, nur weil sein Handeln angesichts der konkret bestehenden Lebensgefahr von einem anderen Standpunkt aus, als wichtiger gewertet wird und dieser Mensch eine Zilliarde soziale Kekse für sein couragiertes Eingreifen bekommen könnte.
Wir können alle nur spekulieren, was gewesen wäre, wenn er mich nicht wahrgenommen hätte. Ich wäre vielleicht gestorben- aber ich hätte niemandem Schuld daran gegeben. Vermutlich hätte niemand die Schuld an meinem Tod zugesprochen bekommen.

Ich, mit meinem Ich-Bewusstsein, als Innen XY in diesem Körper, hatte vor ihm noch mit keinem Menschen zu tun, kannte nichts vom dem, was woanders als dort war. Ich war nie mehr oder etwas anderes als dieser Raum bis zu dem Zeitpunkt. In meinem Kopf war nichts weiter drin als ein Rauschen aus Stille und schwammigunklaren Impulsen und wenn ich gestorben wäre, hätte das für mich schlicht _GAR NICHTS_ bedeutet.
Ein Spekulieren auf dem, was würde, wenn, hätte sein können, außerhalb der Umstände, in denen ich mich bewegte, haben mir zu Recht absolut nichts bedeutet. Ich kannte es nicht und habe es nicht begehrt.

Ich sehe solche Gedanken von: “Ja, man weiß ja nicht und es ist/wäre doch schade, was da noch verpasst wird, was alles noch gehen kann mit ein bisschen Hilfe/ Veränderung …” anders, wenn Menschen einander nah sind. Wenn sie voneinander tatsächlich mitbekommen, was welche Eingriffe bewirken. Wenn man miteinander in Austausch ist, Verbundenheit fühlt oder auch einfach familiär oder sozial verbunden ist.
Mein Retter* kam, trat in mich ein und riss mir mein Mich aus der Mitte für etwas, das mir egal war, unter Umständen, die mir nur Bedrohung- und Lebensgefahr signalisieren konnten.

Nein, ich muss dafür nicht dankbar sein, weil ich überlebt habe und heute Seifenblasen von Bergen in den Sommerhimmel pusten kann.
Es geht nicht um Undankbarkeit für eine Rettung – es geht darum, was Menschen von einander wahrnehmen und wie unterschiedlich die Bewertung dessen sein kann. Wie sehr das, was wir Menschen _sein_ und _da_  lassen können, davon abhängt, was es für uns bedeutet Momente, die Demut und Respekt abverlangen – auch und vielleicht gerade dann, wenn uns beides niemals jemand vorgelebt hat – tragen zu können, ohne eingreifend/ beeinflussend zu handeln.

Wir* verwenden so viele Arten sozialer Vermeidungstänze, sei es in Schuldgezirkel, Verantwortungsgeknote, V-Er-Zieh-ungsgezerre, weil es schwerer ist inne zuhalten und _sein_ zu lassen.
Für mich ist es so, dass ich heute einen Schmerz fühlen und tragen muss, der sich nicht über eine Sicherheit lösen wird, weil ich mit diesem Menschen einfach gar nichts zu tun hatte und habe. Ich werde nie erfahren, was er wirklich dachte. Ob er an meinem _da sein_ Anstoß genommen hatte oder wirklich in den Umständen, in denen er mich verortete. Er wird vermutlich nie erfahren, wie sein Handeln auf mich wirkte. Er wird nie erfahren, dass ich mir seine Rettung nie gewünscht habe.
Einfach schon, weil es damals nicht als Rettung wahrgenommen habe und selbst heute, das Wort dafür falsch empfinde. Semiheimlich, fastganz für mich allein.

Ich leide unter der Zeit, weil ich überlebt habe. Wäre ich tot, würde ich das nicht tun.
Für sein “hätte würde wenn”, in seinem eigenen Leben, bin ich nicht verantwortlich. Nie gewesen.  Auch deshalb ist mein Gefühl einer Verletzung, das über einer Dankbarkeit steht, in Ordnung.

Menschen füllen ihre Leben stetig mit Ansprüchen, Werten, Normen.
Wenn zwei unterschiedliche Systeme aufeinander treffen und ein Mensch oktroyiert dem Anderen seines, dann sprechen wir von Gewalt. Auch wenn ein drittes, viertes, fünftes kommt und sagt: “Hast fein gemacht.”. Es war _da_  und es ist keine HeldInnentat* fremde Werte, Normen und Ansprüche abzusprechen, zu vaporisieren. Und ja, für mich persönlich gilt das auch für Werte, Normen und Anspruchshaltungen, die ihrerseits absprechen und verschwinden machen wollen.
Ich kann nicht an nur eine Wahrheit, nur eine Art zu leben zu denken und zu werten glauben.

Nicht zuletzt auch genau deshalb, weil ich gezwungen war und bis heute bin, Abgründe, neben schwindelnden Höhen; Sadismus neben bedingungsloser Liebe; tiefes Begehren neben absoluter Entbehrung; Hass auf mein bloßes _da sein_ in mir selbst stehen zu haben und alles das zu tragen und _sein_ zu lassen.

Meine Epiphanie war nicht wegen dieser Gedanken eine. Sie war eine, weil sie sich gut angefühlt hat. Rund. Ohne Not.
Ich habe für einen Moment stehen lassen können, dass es damals so war, wie es war, eben, weil es eben so war- weil der Menschen in dem Moment genau _da_ war, wie ich selbst auch. Ich konnte aber auch gleichzeitig, mein Gefühl von Verletzung und Bedrohung durch sein _Sein_  stehen lassen, obwohl sich der Kontext, der dankbare Opfer vor “selbstlosen” RetterInnen* verlangt, nicht verändert hat.

Ich verstehe nun den Trigger an der Situation Anfang Mai, in der ein Mensch mein Leben retten wollte. Und ich verstehe meinen Schmerz daran.
Ich verstehe, dass es für diesen Menschen darum gehen musste mein Leben zu retten, weil ich schon immer als rettungsbedürftig wahrgenommen und eingeschätzt wurde. Weil es genug Ignoranz für meine Lebensumstände, meine Fähig- und Fertigkeiten gab, um immer das Opfer, das einer Rettung bedarf, zu sein.

“Ich könnte mir das nie verzeihen, wenn dir etwas passiert und ich das gewusst hätte.”, ist ein Satz auf den ich zu Recht fragen kann, warum mein Tod nicht verzeihbar ist, unerträgliche Lebensumstände und Qualen aber schon. Warum ich leiden darf, aber nicht sterben.
Warum ich hilfsbedürftig sein darf, es aber zu viel verlangt ist, wenn es dieser Mensch ist, an den ich mich dafür wende, weil ich aufgrund seiner Angaben, denke, dass er mir helfen könnte.

Ich verstehe, dass es mich schmerzt in meinem _Da-Sein_ ignoriert zu werden, nicht gehört und (für ) wahr- genommen werde, weil es für mich noch einmal um dieses Erlebnis damals herum eine Ebene gibt, die Gefühle der Todesnähe  beinhalten. Neben all dem was ich im Zuge von Menschen- und Psychiatriegewalt erfahren habe.

Ich bin nicht dafür verantwortlich, was sich andere Menschen nicht verzeihen können. Sie müssen es sich selbst verzeihen und wenn sie das nicht können, dann müssen sie es lernen oder damit leben, dass ich ihnen die Frage in den Kopf stelle, wieso sie sich Gewalt an mir verzeihen können, aber sich selbst nicht, wenn sie etwas oder jemanden _sein_ lassen.

Meinen Retter* habe ich nach meiner Befreiung damals nie wieder gesehen.
Der Mensch, der mir vor mehr als 2 Monaten noch so dringend das Leben retten wollte, dass es für vertretbar erschien mir Polizei und Krisendienst nach Hause zu schicken, obwohl ich sagte, dass das nicht nötig ist- dass ich für solche Momente andere verbindliche Absprachen habe, hat sich seitdem nie wieder bei mir gemeldet. Muss ihn ja brennend interessieren, was er da so gerettet hat.

In beiden Fällen, war ihr Handeln etwas, das mein Gefühl für mich selbst in dem Leben, das ich führe, massiver verletzte, als die Umstände, in denen ich mich befand. Sie haben sich über mich zu RetterInnen* erhoben und dann als ich gerettet war, mich selbst bzw. meinen Schicksal überlassen. Als meine Lage keine sozialen Kekse mehr hergab, war ich abgehakt.

Und in beiden Fällen könnte eine Instanz kommen und sagen: “Frau Rosenblatt präsentierte sich mit einem Leiden an…”
Und nicht: “Frau Rosenblatt sagte… und ICH dachte….”

Inzwischen, jetzt wo mehr als zwei Monate vergangen sind, glaube ich, dass mich nicht nur die Enttäuschung über die Menschen schmerzt, sondern auch, dass sie von anderen Menschen darin bestätigt werden, während ich hören muss, ich hätte es ja nicht anders gewollt.
Ich aber, habe es anders gewollt.
Ich wollte damals nichts weiter als Wasser. Etwas Anderes war gar nicht in meinem Kopf drin.
Und vor zwei Monaten wollte ich nichts weiter, als dass Menschen ihre Versprechen an mich halten. Mehr war einfach nicht _da_ .

Ich habe mich nicht präsentiert, ich habe keine Forderungen formuliert. Ich habe die Ansprüche gestellt, die mir legitim und logisch nachvollziehbar erschienen und war bereit mich in dieser Annahme auch zu täuschen. Mein Umfeld aber, hat sich einen Scheiß um das geschert, was ich wollte und dachte, fühlte und konnte.

Und das ist, was Gewalt gebiert: Ignoranz (um des eigenen Vorteils Willen)

Niemand muss sich für RetterInnen*gewalt (“helfende” Gewalt) an sich bedanken, nur weil er oder sie oder *, diese überlebt hat.
Niemand.
“Sei dankbar um dein Leben und halt die Fresse über deine Gefühle”, kann man nur an Unterlegene richten.
An die, die man sich selbst zum Opfer macht.

Präsenz

glitzerNach jedem Artikel über häusliche Gewalt, über PartnerInnen*schaftsgewalt, gibt es mindestens eine Stimme, die davon redet, dass sich eine Partei als Opfer präsentiert.
Nein, obwohl- eigentlich keine Partei.
Eigentlich heißt es, dass sich Frauen* als Opfer von Männern* präsentieren. Weil sie sagen: Es gibt Gewalt an Frauen.
Frauen sagen: “Da ist Gewalt und Menschen (m)eines sozialen Geschlechterlabels erfahren sie.”
Der Kommentar sagt: “Frauen präsentieren sich als Opfer.”

Nach sanczny’s Artikel über männliche Anspruchshaltung im Internet habe ich darüber nachgedacht, welche Parallelen ich finden kann.
Ich fand für mich eine darin, dass immer wieder da, wo es um weibliche Präsenz in einem Kontext geht, von “Präsentation” gesprochen wird. Frauen (bzw. korrekter formuliert: “Diskriminierte”) sind nicht einfach nur _da_ , wenn Männer, oder um es differenzierter zu sagen: Menschen mit Definitions-Macht und damit Deutungshoheit (also “Diskriminierende”), sie wahrnehmen. Nein, “sie präsentieren sich”. Sie “stellen sich dar”.

Ich habe gerade einen Artikel geschrieben, für den ich mich intensiver mit der Geschichte der Medizin als Wissenschaft und damit einhergehend auch der Geschichte der Gynäkologie befassen musste.
Mir war nie so bewusst, wie inmitten all dieser Fallschilderungen, die sich auf Frauen bezogen, die an nichts weiter “litten” als an der Menstruation – die also einfach nur präsent waren und in entsprechend eher schlichten Worten von etwas berichteten, das mehr oder weniger regelmäßig präsent an ihnen selbst ist – wie krass sich die Deutung in Bezug auf Individuen verändert, wenn eine gewisse soziale Macht besteht, oder von einer Person als in sich manifestiert betrachtet wird.
So beginnen die Fallberichte immer wieder mit dem Satz: “Die Patientin präsentierte sich mit einem Leiden an…”, auch wenn diese Patientin gar nicht über ein Leiden sprach, sondern über ihre Wahrnehmung ihrer Menstruation, ihre Geburtswehen oder den Bewegungen eines Fötus in ihrem Körper und sich die Konsultation nicht in einer Zirkusvorstellung abspielte.

Mir erscheint nun klar, wie aus “Präsenz” eine “Präsentation” wird und warum.
Gerade in der Medizin ist klar, dass ein Humanmediziner kein Humanmediziner ist oder als einer gilt, wenn er keine Hominiden hat, an denen er herummedizinern kann. Sein Label ist hinfällig, wenn er niemanden hat, der es durch seine Merkmale bestätigt. Und mit dem hinfälligen Label auch die sozialen Kekse, die seine Sicherung in der Gesellschaft bedeuten.

Aus der Präsenz eines Individuums muss genau dann eine Präsentation werden, wenn man sein Handeln oder auch eine Deutungen/ Interpretationen und darauf basierenden Handlungen ihm gegenüber rechtfertigen muss oder begründen will.
In der Medizingeschichte hat manN von je her seine, zum Teil unfassbar grausamen Handlungen an Menschen, die weder in der sozialen/ gesellschaftlichen Position oder/ und in der allgemeinen körperlichen/kognitiven/psychischen Konstitution befanden (befinden) um sich zu wehren oder zu schützen, damit gerechtfertigt, dass ihnen gegenüber ein Leiden präsentiert wurde (wird) und damit implizit der Anspruch, auf dieses zu reagieren.

Eine gängige Rechtfertigung von Ausübenden von PartnerInnen*schaftsgewalt, körperliche Gewalt ausübenden PolizistInnen*, Gewalt ausübenden LehrerInnen* und ErzieherInnen*, PsychiaterInnen* und PsychologInnen* (Personen in gesellschaftlich/sozial oder auch nur von und für sich allein legitimierter Machtposition)  ist bis heute die Interpretation eines Verhaltens als präsentiert (dargeboten/ angetragen/ aufgedrängt/ aktiv oktroyiert) und damit aus der so rezeptionierten Nötigung zur Reaktion. “Ich musste meine Macht (meine Gewalt) nutzen, weil…”

Die Interpretation einer Anwesenheit eines Menschen macht also den Unterschied zwischen “existent, weil _da_” (Präsenz) und “existent, weil von BetrachterIn* wahrgenommen und rezeptioniert” (Präsentation)

Rezeption wahrgenommener Reize ist auch tragender Balken des Konsums und damit erklären sich erneut übergriffige und/oder gewaltvolle Kommentare unter Zeitungsartikeln oder auch Blogeinträgen.
In den Köpfen von Menschen, die es gewohnt sind, die Macht über Kontexte inne zu haben, kann und darf kein einziger Artikel, kein Film, kein Foto, kein Tweet, kein Facebookstatus einfach nur _da_ sein, weil Präsenz ohne Anspruch ist. Gegenkultur durch bloße Präsenz darf es für sie nicht geben, weil (re)präsentatives Gebaren allein etwas ist, was in der unseren etablierten Gewaltkultur als legitim angreifbar gilt.

Wir leben in einer Zeit, in einer Kultur, in der Gewalt anerkannt und je nach Machtverhältnis als “nötig” (weil abgenötigt durch (re)präsentative Gesten) oder “zu verurteilen”  (mittels Staats(gewalt)macht bzw. ihre Werkzeuge) ist. Aber _da_ ist sie immer. Gewalt ist das einzige Mittel der zwischenmenschlichen Interaktion, das ungehindert immer und überall präsent sein darf und selbst dann eine Legitimation erfährt, wenn sie sich (re)präsentiert.

Nun ist es mit Webpräsenz nichts anderes als mit physischer Präsenz von Individuen.
Nur, dass sich mit der Internetkommunikation Chancen für Diskriminierte ergeben, ihrer Präsenz mehr und dauerhafte Sichtbarkeit zu verschaffen und die Chancen steigen in dieser wahrgenommen zu werden.

Das Internet als Mittel der Gegenkultur ist beliebt, weil die Eigenmacht der Diskriminierten nicht direkt gekoppelt an die Legitimierung der Diskriminierenden ist. Natürlich ist sie das einige Stufen weiter sehr wohl, weil die Nutzung des Internet bis heute mit einer Reihe von Privilegien einher geht, die nur durch Legitimation der Diskriminierenden erfüllt werden können. Aber die kapitalistischen Interessen, die mittels Internet und bereits allein der Branche der Kommunikationstechnik verfolgt und befriedigt werden können, sorgen dafür, dass auch (gesellschaftlich/ staatlich gewollt) arme und unterversorgte Menschen für wenig Geld Zugang zum Internet bekommen und damit zu rechnen ist, das diese Art der Kommunikation in wenigen Jahren den gleichen Stellenwert wie Nahrung und andere Ressourcen hat und entsprechend gewährt wird.

So kann ich mir zum Beispiel auch erklären, wie es kommt, dass viele Menschen das Internet nicht als Kommunikationsmittel, sondern als Informationspool, als Supermarkregal, als Manege dessen, was sie haben dürfen auffassen: Gewohnheit und allgemeine Legitimation gewaltvoller Interaktion durch privilegierte Position.
Zum Anspruch wird diese Haltung des Konsum und der Vereinnahmung (Aneignung) genau dann, wenn diese Menschen über Menschen, die ihre Kultur, ihre Gedanken usw. eine Präsenz über das Internet verschaffen stolpern, die darauf beharren, dass es sich in ihrer Präsenz lediglich um eine Präsenz handelt- nicht um eine Präsentation für andere.

Die Gewohnheit ist:
“Ich nehme wahr, also wird mir etwas präsentiert”
“Mir wird präsentiert, also darf (muss) ich reagieren”
“Ich darf reagieren, weil ich über Mittel und Wege [Macht] verfüge, um reagieren zu können.”
“Es ist ein Angriff auf meine Persönlichkeit, wenn mir die Interpretation der von mir aufgenommenen Reize verboten bzw. als nicht erwünscht markiert wird, weil meine Position allein in der Macht begründet ist, die ich ausübe (wenn ich interpretiere).”
“Weil ich die Macht bin, darf der andere Mensch nur die Ohnmacht sein, doch sagen (sichtbar machen) darf es dieser Mensch nicht, weil es dann doch irgendwie verpönt ist, Macht über andere Menschen zu haben und also ergo Gewaltdynamiken für sich zu nutzen.”
“Weil der Mensch das aber sagt, poche ich auf mein Recht der Meinungsfreiheit, mische das mit Sexismen, Biologismen, Stigmatisierungen, Rassismus, Sozialdarwinismus, individueller Fehler des Menschen, die gesellschaftlich geächtet werden und so weiter und gebe so meiner Macht ein unumstößliches, durch allgemein legitimierte Abwertung gestütztes Fundament.”

Scheiße nur, wenn Gewohnheit in Frage gestellt wird, wenn der Mensch, an dessen Präsenz Anstoß genommen wurde, dann trotzdem noch _da_ ist, weil es ihm scheiß egal ist (sein kann, weil keine Verluste entstehen können), ob seine Präsenz von irgendwem anders als sich selbst und seinen persönlichen Werten legitimiert ist oder nicht und oben drauf auch noch die Macht hat, dem anderen Menschen schlicht keinen Raum zu gewähren.

Und noch ein Gedanke kam mir.
Repräsentanz kann nur von Objekten ausgehen. Von Symbolen.
Subjekte hingegen stehen für sich selbst und handeln eigenmächtig.
Genau deshalb denke ich, dass es HassfollowerInnen*, wie gewaltvoll kommentierenden SchriftenkonsumentInnen* nicht um mich als Person gehen KANN, wenn sie herkommen, über meine Texte, Bilder und Filme stolpern, die alle einzig für sich allein (und nicht für jemand anderen als mich allein) stehen und Gewalt an mir ausüben.

Sie ™ wollen (nicht: müssen) Gewalt ausüben, weil sie sich für mächtig halten und/oder von unserer gesellschaftlichen Gewaltkultur darin bestätigt werden, es zu auch tun zu können.

Werden wir* BloggerInnen*/ AutorInnen*/ Menschen, die über das Internet Inhalte mit der Intension einer Gegenkultur (einer Kultur ohne Gewalt) Präsenz (Sichtbarkeit) zu verschaffen, verteilen, also zu Symbolen (RepräsentantInnen*) beginnt die Dynamik der Gewalt bereits sich zu wiederholen.
Tragischerweise auch dann, wenn wir* über genau diese Dynamiken bloggen/ schreiben etc.

Dies würde bedeuten, dass wir* unsere Strategien für eine Gesellschaft ohne Gewalt, nicht mit Mitteln der aktuellen Gewaltkultur erstellen können.
Wir* müssten dabei nicht nur “außerhalb der Box” denken, wir müssten sie als Sondermüll markieren, komplett von uns als neue Gesellschaft abgrenzen und absolut autonom neben ihr weiter-entwickeln.
Sichtbar.
Präsent um des _Da_seins Willen.

 

Fortsetzung folgt

Hurra, ich bin nicht perfekt

P1010185Ich hatte gerade den wunderbaren Gedanken, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss, um respektiert zu werden.

Hintergrund ist mal wieder eine Forenauseinandersetzung, die mich durch ihre Entwicklung daran erinnerte, dass ich bei Twitter neulich von einem Menschen angetwittert wurde, weil ihm einer meiner Artikel nicht gefallen hatte.
Kann man machen- kann man auch in den Kommentaren machen, per Mail, bei Facebook und jetzt, wo ich auch einen YouTubekanal habe, sogar bei Google + und in den Videokommentaren.
Wer mir etwas sagen mag, kann das gerne tun. In aller Regel lese ich das dann und überlege mir, ob ich antworten möchte, oder nicht.

Der Mensch, der mich bei Twitter angeschrieben hatte, hatte sich vorher in einem Kommentar im Blog versucht und wurde nicht freigeschaltet.
Ich schalte grundsätzlich keine Kommentare frei, in denen auch nur der winzigste Hauch eines “selbst schuld” drin vorkommt. Einfach schon, weil mich solche Kommentare immer wieder dazu verleiten meinem Bildschirm “Ach, fick dich doch” zu sagen und der immer gar nicht weiß, womit er das nun verdient hat.
Außerdem lesen hier zum Teil andere Menschen mit komplexen Traumata in der Biografie und ich sehe das schon ein Stück weit als meine Aufgabe wenigstens diesem Tätertrick der Schuldzuweisung und Verdrehung hier keinen Raum zu bieten. Es reicht, wenn die Boulevardpresse vermittelt, dass dies eine moderate Art des Umgangs sei.

Dass ich diesen Kommentar nicht freigeschaltet habe, war für den Menschen dann eine Ausübung von Gewalt und oh Wunder was- ich hab mich gar nicht geschämt dafür – Badabamm!
Ich denke nicht, dass ich mich dafür schämen muss, wenn ich Menschen, die mir gewaltvoll begegnen und mir sagen, ich sei an erlebter Gewalt selbst schuld, keinen Raum in meinem Leben und auch nicht in meinem Blog gebe.
Das gehört zur Grundausbildung psychotherapeutischer Kliniken: Abgrenzung und Wahrnehmen des eigenen Raums, als schützens- und pflegenswert.
Ich denk, das hab ich fein gelernt und hier etabliert.

Es ist natürlich eine Ausübung meiner Machtposition, die ich hier inne habe als Autorin und Administratorin und damit natürlich eine Form der Gewalt.
Und für mich endet an der Stelle die Analyse der Situation. Wer weiter gehen will, kann das gerne bewerten, aber ich bewerte Gewalt nicht.

Badabamms
Gewaltopferblog ohne Gewaltwertung- ja gibt’s denn sowas.
Ja gibt’s.
Und zwar genau dort, wo Wertung als Privileg betrachtet wird.
Wenn ich werte, dann über die Auswirkungen, die Gewalt an mir und meinem Leben hat. Hochgradig subjektiv und auch so markiert.
Für alles Andere gibt es RichterInnen* und vielleicht auch G’tt.

Vorhin haben ein Twittli* und ich beschlossen, dass es das Wort “hassfollowings” gibt.
Soziale Netzwerke funktionieren darüber, dass jede/r immer alles vom anderen lesen kann, sofern man ihn/sie lässt.
Ich habe einen offenen Account und lasse lesen. Jeden.
Auch die, die sich vermutlich ein faszinierendes Magengeschwür über meine Unmöglichkeit, mein Böse sein, mein Nicht- so-sein- Nicht- so- denken- wie sie heranzüchten.
Eigentlich ist das selbstverletzendes Verhalten und bedarf psychiatrischer Behandlung. Aber bin ich diejenige, die das in die Wege leiten sollte, damit diese Menschen, die Hilfe bekommen, die sie verdienen brauchen?
Ich denke nicht.

Diese Menschen, diese Hass- oder irgendwasvorHassfollowerInnen*, werden einen Grund für ihr Verhalten haben.
Für dieses Ver-Folgen meiner Aktivitäten, obwohl sie sie nicht gut/richtig/schön/bereichernd/wichtig finden.

Ich kenne niemanden von diesen Menschen persönlich oder stehe ihnen sonst wie so nah, dass ich einen Einfluss auf ihr Leben jenseits des Zeitraumes, den ihr Konsum meiner Texte/Bilder/Filme einnimmt habe. Ich habe keinen Grund zu glauben, der Grund für ihr Verhalten hätte tatsächlich etwas mit meiner Person und meinem Sein zu tun. Also sehe ich mich auch nicht in der Position, die sich für den Grund ihrer Ablehnung interessieren muss.
Ich stelle mir das trotzdem manchmal so vor, dass ich für solche Menschen, wie einer dieser Pickel bin, die oben schon aufgekratzt sind, unten aber noch Eiter lagern und wehtun. Sie kratzen, pieken, stechen, ätzen, brennen an mir herum, auf das ich endlich weg bin- einfach, weil ich wo bin, wo sie mich nicht haben wollen.
Ich soll einfach weg sein, wenn ich schon nicht so bin/denke/agiere, wie sie das lieber von mir sehen würden.

Mich erinnert diese Art zu Denken an die TäterInnen. Hinbiegen und Brechen, bis es läuft- egal auf welche Kosten. Weil darum. Einfach so.
Ich selbst bin für diese Menschen nur ein Symbol für irgendwas.

Was ich an dem kurzen Twitteraustausch damals bemerkenswert fand, war erstens die Abwesenheit von Schimpfwörtern und zweitens die Abwesenheit von Überlegungen, was ich denn nun mit der Information des Nichtgefallens tun soll.
Ich schreibe Artikel nicht um, wenn mir kein neuer oder anderer oder sinnigerer Gedanke bzw. eine neue Ansicht auf den Text kommt. Und schon gar nicht schreibe ich Artikel, damit sie anderen gefallen.

Hier geht’s darum, dass ich und wir verstanden werden, weil wir Teile unseres (Er-)Lebens sichtbar machen.
Nicht, weil wir hier die Welt und das Leben erklären.
Dafür wende man sich bitte irgendwo anders hin.

Ist das nicht eigentlich sowieso klar?
Vermutlich nicht.

Auffällig erlebe ich nämlich auch immer wieder, dass nicht viele KommentatorInnen* wie dieser Mensch ein eigenes Blog haben (oder einfach nur nicht verlinken- warum wohl nicht?).
Ich bilde mir ein, dass BloggerInnen*/AutorInnen* untereinander irgendwie anders kommentieren. Mindestens aber immer einen Grundrespekt für die Arbeit des Anderen aufbringen können. Deshalb mag ich meine Twitterbubble und meine Blogosphäre auch.
Man kennt die Zweifel, die Freude, manchmal auch die Mühe, die man an und mit den Texten hat. Man kennt die dummdreistgemeinen Kommentare und den Flow, den ein ordentlicher Schreibfluss mit sich bringt. In dieser Umgebung muss ich nicht um Respekt für mein Tun bitten- der ist selbstverständlich da.

In der Umgebung der reinen SchriftenkonsumentInnen* hingegen muss ich mir eine Grenzüberschreitung nach der anderen gefallen lassen, weil ich öffentlich schreibe.  Als wäre Öffentlichkeit eine Erklärung zur Aufgabe sämtlicher Persönlichkeitsrechte. Als sei “öffentlich” gleich “Öffentlichkeit” gleich “Offenheit”.
Ich erwarte von solchen Menschen keine Dankbarkeit. Konsum kommt ohne aus.

Aber Respekt vor mir als Person und meinem Tun als etwas, das von mir kommt, aber nicht mich darstellt, darf ich erwarten.
Auch von denen, die meine Texte nicht verstehen, nicht mögen, nicht mit ihren Werten überein bringen können.

Und das ist das Wunderbarglitzrige an meinem Gedanken vorhin: Ich bin nicht perfekt und muss es auch nicht sein, um Respekt zu erhalten.
Letztlich geht es mir darum.
Vielleicht ist das im Grunde auch schon alles, was mich persönlich am Meisten an solchen Kommentaren stört.
Niemand kommt und sagt: “Hey geile Metapher, krasses Thema, aber ich finde dein Blog scheiße!” sondern immer und immer wieder: “Du bist scheiße, weil das Blog ist scheiße!”
Da wird mir lang und breit erzählt was ich alles für Fehler habe, aber was daran nun das Problem sein soll, wird nie gesagt. Ob es ihnen insgeheim peinlich ist, sich über klitzekleine Internetpickel wie mich aufzuregen?

Für mich ist es im Moment kein Problem scheiße zu sein, Scheiße zu labern und das auch noch Kraft meiner hier waltenden Macht als Admiss des Blog jeden weiteren Tag zu tun.

Ihr dürft jedes meiner Worte hassen, ihr dürft aber bitte gerne auch woanders respektlos sein.

 

Ich habe aber endlich mal wieder was Nettes über mich gedacht – und ihr ja nicht! Ätsch!

das Pinkprivileg

feminismfuckyeahIch wollte eine rosa Brille und meine Zahnspange sollte pink sein. Mit Glitzer drin.
Meiner erster Schulranzen war in einem dunklen Lila gehalten. Ich glaube, da waren auch grüne Drachen mit drauf.
Ich mag und mochte “Mädchensachen”, wie Barbies oder auch meine Baby Born Puppe. Hätte es damals schon Lego in Pink gegeben, hätte ich darum gebettelt.
Ich weiß nicht, ob rosa und pink damals schon abgewertet wurde, wie ich das heute wahrnehme. Hat sich Anfang der 90 er Jahre auch schon eine Bewegung  gegen die “Pinkifizierung” ausgesprochen?

Heute kann ich pinke Kleidung nicht kaufen, weil sie für meine Augen oft zu grell ist. Mal ein rosa Rock? Gibts nicht- aber, es gibt grell pinke, eng anliegende Miniröcke, die mir viel zu viel Selbstbewusstsein abverlangen, als dass ich sie tragen könnte.
Mal ein Shirt in Pink- vielleicht mit einer schillernden Eule drauf? Gibts nicht mit langen Ärmeln und Rundhalsauschnitt- aber mit Ausschnitten bis zum Sternum und trägerlos auf jeden Fall.

Wer Rosa mag, gilt als weiblich (steckt man in einem biologisch als männlich normierten Körper: “weibisch”) und diese Weiblichkeit wird über die Form der Konsumgüterwahl einer Wertung zugeführt, weil sich diese heute nicht mehr am Geschmack sondern immer mehr an patriarchal binärer Geschlechternorm orientiert.
Slutshaming, Fatshaming, alle möglichen anderen Arten von Shaming passieren Frauen* oft und werden an ihrem Erscheinungsbild gerechtfertigt.
Pink/Rosa gilt hierbei als eine Art Verstärkung, als “rosa Licht” sozusagen.

In meinem Bullergeddo sehe ich auch Klassenunterschiede am “Grad der Pinkheit” der Kinder. Je pinker und greller, desto höher der Plastikanteil dessen, womit sich die Kinder umgeben und desto mehr Diskriminierungsachsen sind erfüllt (Rasse, Klasse). Kinder (Mädchen) mit Eltern, die in Lohnarbeitsverhältnissen stehen und weiß sind, sind tatsächlich eher in rosa, als in pink gekleidet und haben noch eher ein allgemeines “bunt” im Kleider- und Spielzeugschrank.
Mädchen und Jung(-e)Frauen*, die bereis wegen rassistischer Stereotypen und mittelständischer Angst-vor-dem-Abstieg- Ablehnung abgewertet werden, werden heute über die Kleidung, die sie entsprechend ihrer Ressourcen erstehen (und das ist bei KiK und Co eben knallgrellpink- und nicht zartpastellrosa) können, erneut abgewertet.

Ob die Kinder die Farbe vielleicht einfach so mögen, ob mit der Farbe “Rosa”/ “Pink” schöne und angenehme Assoziationen verknüpft sind, ist dem Auge der Bewertung egal.
Es hat was mit “Mädchen” und “Weiblichkeit” zu tun – Ih ba ba!

Wer stellt sich der Frage, ob es vielleicht grundlegend egal ist, welche Farbe Mädchen* und Jungen* mögen, weil die Verknüpfung des Pink bzw. des Blau bereits in allem, was uns umgibt, ein fester Bestandteil unserer gesellschaftlichen Be- und damit auch Abwertungsmaßstäbe ist?
Ich mochte immer “Mädchensachen” obwohl ich mich selbst nie als “Mädchen” sah. Ich laufe heute in tradionell femininer Kleidung herum, würde mir aber nicht das Label “Frau” oder “Femme” geben. Ich mag diese Kleidung einfach und fühle mich darin wohl.

Mein früheres soziales Umfeld wertete diese meine “Verweiblichung” durch meinen Entschluss zum Rock und gegen die Hose, negativ. Zum Einen, weil ich religiöse Gründe angab und damit in den Augen dieser Menschen, zusätzlich ein Abhandengekommen sein meiner Fähigkeiten klar durchdachte Entscheidungen treffen zu können und zum Anderen, weil Weiblichkeit – je offensichtlicher, desto mehr, mit Unfreiheit durch Kinder, Haushalt und die Abwesenheit einer Karriere bzw. Erfolg in der Karriere verknüpft ist.

Als ich mich noch etwas später in diesem Kreis (der aus beruflich erfolgreichen Singlefrauen zwischen 30 und 40 Jahren bestand) als Feministin markierte, lief das Fass der erfüllten Vorurteile über und ergoss sich über mich. Mir wurde klar, dass es bei ihnen kein Wissen über feministische Theorie gab und das nicht zuletzt deshalb, weil Feminismus von Frauen* für Frauen* gemacht und gedacht wird.
In ihren Köpfen gibt es das Bild der “hysterischen Emanze, die Männer kastrieren wollen, weil diese von Natur aus alles besser können”.
Dass ich noch nie in irgendeiner Form Männer bzw. Männlichkeit abgewertet hatte, geschweige denn Weiblichkeit als überlegene Kraft bezeichnete, spielte für diese Menschen keine Rolle.

Ich hatte durch meinen Rock, meine Religion, meine Auseinandersetzung mit feministischem Gedankengut und nicht zuletzt vielleicht auch meinem überwiegend lesbischen Begehren, vermutlich alles getan, was es brauchte, um von ihnen als “unfreie, schwache, niedere, wertlose Frau, die kritisiert, weil sie sies nicht besser geschissen kriegt” gesehen zu werden.
Diese Menschen sehen die Abwertung darin nicht. Für sie ist das Fakt und ich bin durch meine Position nicht diejenige, die ihnen etwas darüber erzählen darf.

Menschen wie sie, schenken Mädchen zur Geburt rosa und rot, um ihnen eine Möglichkeit zur Positionierung in Bezug auf das eigene Geschlecht zu geben, genauso wie sie Jungen lieber mit Technik und Handwerk konfrontieren, als mit süßen Tierkindern. “Adultismus” (die Diskriminierung des Kindes) sehen sie als ihre Pflicht, egal, ob die Kinder so neben vielleicht tatsächlich vorhandenen Positionierungshilfen, auch Abwertungsverknüpfungen darlegen und ihnen individuelle Neigungen absprechen bzw. bestehende Neigungen umlenken.
Sie schenken ihnen keine rosa/pinken bzw. blauen Sachen, weil die Kinder darum bitten, sondern, weil Jungs in pink die Abwertung erfahren, die Mädchen ihr ganzes Leben erfahren und, weil Mädchen gefälligst immer als Mädchen erkannt werden sollen.
Vielleicht – vielleicht – damit klar ist, wen manN berechtigt abwertet, und wen nicht.

Selbst die Organisation “PinkStinks”, die sich den Kampf gegen die Limitierung von Geschlechterstereotypen auf die Fahne geschrieben hat, schafft es nicht ohne die Abwertung von Weiblichkeit aktiv zu sein. Dabei müsste doch gerade Stevie Schmiedel klar sein, dass sie, würde sie ausschließlich von Frauen* unterstützt werden (und ausschließlich diese fördern) weitaus weniger Erfolg hätte mit ihrem Vorhaben.
Doch soweit ist der Blick offenbar noch nicht. Auch bei “PinkStinks” heißt es, dass man Männer* nicht unterdrücken dürfe. Als wäre im Patriarchat, das wir leben, überhaupt so etwas wie Unterdrückung der Männlichkeit möglich.
Aber “Pink stinkt!” rufen geht. Kindern und Kinderversorgenden abzusprechen, dass sie in der Lage sind Rollenbilder zu erkennen und trotzdem die Farben pink/rosa bzw. blau wählen, weil sie sie einfach mögen, auch.

Einfach, weil das immer geht.
Pink darf man abwerten. Weil manN Frauen* abwerten darf.

Vielleicht aber, heißt es auch nur “Pink stinkt”, weil Jungen* eben nicht über das “Privileg Pink” verfügen können, ohne die Abwertung von Weiblichkeit zu erfahren.
Wenn ich mir heute einen pinklila Feengarten anlege, werde ich vielleicht als ein bisschen infantil, kindisch oder Kitsch liebend betrachtet, vielleicht denkt man an “das Mädchen in der Frau”. Würde ein junger Mann* so einen Feengarten anlegen wäre das, wenn nicht sofort pervers (im Sinne von “welches kleine Mädchen willst du in deine dreckigen Finger locken?!”) so doch mindestens “irgendwie nicht ganz normal”.

So wäre die Organisation “PinkStinks” das, was in meiner Bubble “Maskuscheiße” heißt, weil sie nicht das Ende der Abwertung von Weiblichkeit im Fokus hat (was ein auch feministisch unterstützenswertes Unterfangen wäre) sondern eine Erweiterung, der bereits jetzt im Überfluss bestehendenden Privilegien, die mit Männlichkeit verknüpft sind.

Neulich hatte ich den Gedanken, dass ich glücklich darüber bin, dass Glitzerkram offenbar bis heute als etwas gilt, das alle Geschlechter gleich benutzen können.
Sowohl die Auf- als auch die Abwertung von Glitzer auf Kleidung, im Haar, im Gesicht, im Essen (ja geht- für euch getestet) ist immer die Gleiche.
Glitzer ist zauberhaft, mysterös, schillernd auffällig, einfach schön um der Schönheit Willen.

Am Ende meiner Glitzergedanken, dachte ich, dass die Schönheit, das Angenehme und Wohlige, Gefühle von Geborgenheit, Bedürfnisbefriedigung… dieses tiefe Gefühl von Sattheit, viel zu selten thematisiert wird. Auch und gerade dann, wenn es um das Spannungsfeld “Kapitalismus” (und damit auch: “Klassismus” und damit wiederum “Rassismus”) und “Gender”  (und damit Identitätsfindung, Identitätswahrnehmung, das Leben der eigenen Identität, die uralte Frage, was “Identität”/ was “geschlechtliche Identität” eigentlich ist, sowie alle Diskriminierungen, die am Genderlabel hängen) geht.

Hinter gegenderten Chips steht nicht der Gedanke: “Frauen haben einen anderen Geschmack als Männer”, sondern “2 Produkte = doppelter Gewinn”, die Umwandlung zur Trennung und reduzierenden Zweiteilung von Geschlecht kommt aus unserer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft, in der niemals alle gleichsam satt, glücklich und zufrieden sein dürfen, weil es sonst keinen oder weniger Konsum geben würde.
Wer heute nicht gegendert Chips futtert, der konsumiert eben die Kritik an diesen Produkten und unterstützt damit unter Umständen die Sicherung von Einzelpersonen, die eben geblickt haben, dass man mit der Kritik an solchen Werbe- und Verkaufsstrategien, zu Fördergeldern, Spenden und jeder Menge sozialer Sicherung kommt und genau deshalb unterm Strich auch gar nicht mehr an einer Auflösung bestehender Be- und Abwertungsmechanismen interessiert sein können.

Es ist ein Privileg Kritik annehmen und umsetzen zu können. Die Stärke auf eine Sicherung (Sattheit), wie man sie bereits kennt und wie man sie bequem erreichen kann, zu verzichten, manifestiert sich in unserer Gesellschaft an Umständen, die in selbiger Gesellschaft unsichtbar gemacht und abgewertet werden.

Einmal mehr dachte ich, dass Mut zur Bereitschaft zu Verzicht auf altbekannte Sicherungsmechanismen der Hauptgrund dafür ist, dass Pink/Rosa eben nicht “einfach nur eine Farbe ist”.

Als Körperkind wollte ich pinke Sachen haben, weil ich wusste, dass Jungen* sie mir nicht wegnehmen. Weil ich wusste, dass ich sie ausschließlich mit meinen Freundinnen* teilen könnte. Für mich steht die Farbe Pink und Rosa bis heute für Räume, in denen ich und meine Weiblichkeit erwünscht und in Ordnung sind, egal ob ich mich wirklich als “typisch weiblich” oder nicht, wahrnehme.

Das ist das Pinkprivileg, das ich nicht zu Gunsten einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit abgeben will.

der Feengarten

Er ist reichlich pink, mein Feengarten.
Zwischen einem Einhorn und zwei zierlichen Feen werden Federnelken und Flammenblumen wachsen. 

Hoffentlich.

Auf meiner Fensterbank steht außerdem noch ein Plastikgewächshaus mit frisch gesäten Mimosensamen.

Ich bin ein Pflanzenhospiz.
Eigentlich.

Aber vielleicht habe ich mich verändert in den letzten Jahren.
Vielleicht kann doch etwas Gutes, Schönes, Lebendiges von mir ausgehen.

Nach der letzten Therapiestunde ging ich nach Hause und starrte das Gesicht im Spiegel an.
Es ist gewachsen in den letzten zwei Monaten, dellig und irgendwie ölig.
Auch wenn die Verbindung problematisch ist: Ich neige zu Kummerspeck genauso wie zum weniger werden, wenn es mir nicht gut geht. Ist halt so.
Bei mir.

Die Klappe zu halten, bei mir zu bleiben mit dem was mich verletzt, tut mir nicht gut. Ist aber sozialkonform. Und sowieso, was andere von mir wollen.
“Sie wollten den Kontakt doch sowieso beenden…”
Ja, “beenden” – Nicht: “nach einer Aktion, die mich retraumatisiert hat ohne eine ordentliche Klärung (und Ent-Schuld-igung) zerfetzen lassen und dann unbewortet im Nirwana der Ignoranz und Selbstgefälligkeit verschwinden lassen”

Wenn andere Menschen mir vermitteln, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, obwohl eigentlich nur ein gegenseitiges Verständnisproblem da ist, dann ist das auch kein “Kontakt beendet”. Dann ist das: “Ich will nicht mit dir sein. Warum wieso weshalb- nein dieses Verständnis kriegst du nicht von mir erreicht. Geh weg. Ohne Diskussion.”.

Dran bleiben wäre Gewalt. Sich weiter der Hoffnung hingeben, da käme vielleicht doch noch was, sinnlos.

Aber egal.
Macht mal- ich komm klar- Hauptsache euch gehts gut. Hauptsache, ihr fühlt euch bestätigt von weiß G’tt wem oder was. Mir egal.

Nicht.
mampfEgalmampf

Ich hatte am Nachmittag des Therapietages einen Termin beim Betreuungsgericht.
Eine nette Frau erstellte einen Sozialbericht über mich. Uns.

“Und XY unterstützt Sie nicht mehr”, der Kuli glitt zwischen den engen Linien des Vordrucks, “Könnten Ihre Eltern die Betreuung übernehmen? Geschwister?”.

Von jetzt auf gleich wollte ich weinen. Ich setzte dazu an. Alle Kanäle in meinem Gesicht füllten sich. Es wurde eng. Drückte.
Ich atmete die Sachlichkeit der Situation ein und schüttelte ohne Worte den Kopf.

Sie fragte, ob die Gewalt, die meiner “Erkrankung” zu Grunde liegt, mit der Familie zu tun hat.
Ich nickte. Ließ meinen Blick über ihre Ordner schweben.

Draußen knallte es.
Einmal.

Sie fragte, ob es bei der Strafanzeige, von der im Anregungsbogen die Rede ist, darum ginge.

Es knallte draußen.
Ich nickte.

Ein letzter Knall. Ein Kind ließ Luftballons platzen.
“Ist aber schon zu spät jetzt. Für eine Strafanzeige. Ich hatte gedacht, es ginge schneller mit der Betreuung.”.

mampfEgalmampf
Ich habe genug über Strafanzeigen nachgedacht. Ich kann nichts tun und das soll so.

Gestern bin ich mit NakNak* Rad gefahren.
Ich war den ganzen Tag draußen.
Draußen draußen.
Nicht nur: “nicht im Käfig” sondern: “nicht in der Wohnung”.
Der Heuschnupfen macht mich fertig. Die Hitze. Mein Körpergewicht.
In der Therapie ergänzte ich den Begriff des “Hunger”s mit “ich merke meinen Bauch”.

Ich kann ihn im Moment nicht gut ertragen meinen Körper.
Er ist nicht selbst gemacht.
Meine Kontrolle über ihn ist begrenzt.
Ich sehe aus wie die Mutterfrau, als sie eine Krankheitsspitze hatte.
Aufgedunsen.
Bemitleidenswert und abstoßend gleichzeitig.
Für manche Menschen.

Der Fahrtwind war schön.
NakNak* direkt neben mir laufen zu sehen war schön.

Ich habe einen Johannisbeerenstrauch gefunden und ein paar reife Beeren gepflückt.
Bin in einem Bach herumgewatet und dachte ans Meer.

Ich dachte an meine Geschwister. An Verlassenheit.
An Strafanzeigen. An die Therapiestunde.
An das, was ich sagen willwollte und dann doch lieber neben meiner Kehle verstaue und mit jedem geschluckten Bissen weiter ins Nirgendwo presse.

Heute morgen dachte ich, dass ich etwas Schönes möchte.
Fühlen möchte.
Vielleicht auch erschaffen möchte.

Ich dachte daran, dass mein Körper nun 28 Jahre alt wird und ich gerne bald jemanden finden würde, der mit mir sein Leben teilen möchte.
Jemand, der mit mir eine Familie mit Kindern drin gründen möchte. Jemand, den ich aushalten kann.

Dann lachte ich mich aus.
Weil ich mich selbst kaum aushalten kann.

Ich erlebe mich paradox, zerfleddert, durcheinander.
Widersprüchlich.
Hässlich. Irgendwie noch tiefergehend abstoßend.
Und irgendwie denke ich, dass es allen anderen Menschen auf dieser Welt auch so gehen muss mit mir.
Logischerweise.

Gewaltfolgenlogischerweise.

Heute morgen fuhr ich in die Stadt.

Ich säte Samen in einen Feengarten.

 

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un-gesicht-bar

menschAls ich eine Teenagerin war, bin ich einmal mitten auf dem Schulhof stehen geblieben und habe meine Gedanken gebrülldacht. In meinem Kopf schrie ich mein wortloses ES über den ganzen Hof.
Als nichts passierte, ich so deutlich spürte, dass ES nicht _ist_, wenn ES nicht aktuell passiert, brach einmal mehr etwas in mir.

Es ist das Eine, wenn man mit Menschen unter einem Dach lebt, die ein ES produzieren und immer wieder vermitteln: “Was hier passiert, bleibt hier. Dort draußen bist du nichts.”. Das Andere ist zu spüren, dass das, was dort passiert, sehr wohl an einem selbst kleben bleibt und so nicht nur dort bleibt, sondern immer mit sich herumgetragen wird.

Und dann der Konflikt des eigenen Seins. Heute denke ich, dass meine Multiplizität auch genau ein Produkt dieses sozialen, und emotionalen Sprengfasses war. Ich war nämlich sehr wohl etwas und zwar immer und überall- nicht nur dort. Mal war ich Schülerin, Sportlerin, Sängerin, Tänzerin, Künstlerin, Schriftenmacherin, manchmal aber auch Spinnerin, Lügnerin, Verkorkste, Freundin, Aktivistin.
Tochter und Objekt war ich nur dort.
Trägerin des ES war ich aber immer und überall.
Von allen Zuschreibungen, die ich durch mein Verhalten, Ausüben oder Bremsen meiner Fähig- und Fertigkeiten mehr oder weniger steuern konnte, war der Umstand ES zu erleben- ES zu überleben- ein blinder Fleck in meinem Selbst, den ich zwar so in seiner Unfassbarkeit deutlich als etwas spürte, das dort nicht hingehörte, weil ich ihn bei anderen Menschen (außer meiner Familie*) nicht wahrnahm, aber auch nicht ablegen konnte, weil ich keinen Ort dafür kannte.

Damals hatte ich eine Broschüre vom Mädchenhaus der Stadt in der Hand. Diese war bebildert mit einem Mädchen* mit einem blauen Auge.
Ich legte sie weg. Nicht, weil ich dachte: “Oh ich habe kein blaues Auge- für mich gilt das nicht.”, sondern, weil ich wusste, dass ich ES nicht gleichsam sichtbar machen können würde, solange ich keins hätte.

Seit ein paar Tagen kursieren die ach so empowernden Zeichnungen von Frauen*, die Menschen darin bestärken sollen, sich an sich selbst zu orientieren und ihre Entscheidungen zu leben.
Wer kein Gesicht hat ist “Ana”, die vergewaltigt wurde (und ein lesbisches Paar).

Ich fühle mich von dem Bild alles andere als empowert. Dadurch, dass meine Twittertimeline diese Bilder aber offenbar super findet, bin ich schon wieder verunsichert, ob irgendetwas an mir falsch ist, wenn niemand außer mir markiert, dass der Mensch, der von einer Vergewaltigung übrig ist, ohne Gesicht und in gekrümmter (sitzender) Haltung dargestellt wird und sich inmitten von Menschen befindet, die nicht durch das, was andere Menschen ihnen angetan haben zu ihrem Label gekommen sind.
Auch der Untertitel ist, zumindest für mich, ein Widerspruch zum Bild: “Du bist nicht allein und es ist nicht dein Fehler”, denn das Bild zeigt einen Menschen der allein ist und denkt (offenbar, denn nicht einmal die Gedanken des Menschen werden klar gezeigt), es sei sein Fehler. 

Vergewaltigung bzw. (sexualisierte) Gewalt allgemein, erscheint mir bis heute von GrafikerInnen und anderen Menschen, die Medien produzieren, als entweder unansehnlich (“Das kann man doch nicht zeigen- und wenn dann nur im Film”) oder so weit über “normal”, dass man ein Symbolbild verwenden “muss”, das gleichfalls in alle Richtungen DAS DA auf so vielen Ebenen wie möglich herausbrüllt (Kind in Ecke mit Schatten von Mensch drüber- Szene; kaputter Teddy, leere Schaukel, zerschmetterte Scheibe etc. ).
Einfach einen Menschen abzubilden, der sagt: “Ich habe dies und das erlebt”, funktioniert nur als Einzelschicksalgeschichte, die durch Gerichtsverfahren, TäterInnenstrafe oder HelferInnen bestätigt (bewahrheitet) ist.

In den letzten Jahren habe ich mich gegenüber mehreren Menschen als “zum Opfer von sexualisierter Gewalt geworden” zu erkennen gegeben und habe mich stark gefühlt, weil ich das überhaupt so sagen konnte.
Doch so stark wie ich mich fühlte, so schnell ging es dann auch um die TäterInnen, das Drama, die Betroffenheit der Menschen über meine Erfahrungen. Um mich als diejenige, die damit leben muss und an so vielen Stellen im Alltag strauchelt, sich irgendwie halten und ein Leben in Richtung Zukunft leben muss, ging es schnell nicht mehr.

Manchmal dachte ich, dass es eine Art Tausch ist. “Sie sagen mir nicht, dass ich es wollte/ selbst schuld bin/ einfach eine bin, die man misshandeln muss, also muss ich sie beruhigen, versichern, bestätigen und ihnen zeigen, was ich trotzdem (!) noch kann.”
Heute denke ich: Nein.
Was mir passierte, ist Alltag für Millionen von Menschen auf der Welt und zwar jeden Tag. Millionen von Menschen da draußen, tragen ein ES mit sich herum und denken, sie wären zum allein sein damit bestimmt, weil sie weder bluten, noch schreien, noch “krank” sind – weil ihr ES weder Worte noch physische Substanz hat, wenn der Täter oder die Täterin nicht mehr da ist. Weil sie eben nicht gesichtslos und zusammengekrümmt irgendwo sitzen, sondern sich selbst lediglich innen so sehen.

Ich denke heute, dass es darum geht, auch die Opfer von Gewalt als exkludiert zu markieren, weil ihnen nicht nur in dem Moment, in denen ihnen Gewalt angetan wird, die Identität und das Selbst verletzt bis zerstört wird, sondern auch noch in der Gesellschaft ™ nicht anerkannt wird, wenn es darum geht ES zu benennen.
Es ist nicht die Entscheidung der Gewaltüberlebenden zu überleben – das passiert ihnen einfach so, wie ihnen auch die Gewalt passiert und liegt letztlich nicht in ihrer Macht.
Doch wenn die Gewalt vorbei ist, dann treffen die Gewalthinterbliebenen Entscheidungen ihr Leben und ihr Sein zu leben und müssen darin bestärkt werden.

Ich bin auch fast jeden Tag alleine und denke über meinen Anteil an den Taten nach- und es ist verdammt nochmal auch mein Recht allein zu sein und darüber nachzudenken.
Es ist kein Empowerment, wenn “Power” als das Gegenteil von (auch) Opfer (gewesen) sein dargestellt wird.

Ich merke, dass es mir in der letzten Zeit wichtiger geworden ist, auch als Opfer von Gewalt wahrgenommen zu werden. Nicht als Alleinstellungsmerkmal, aber mit einer deutlicheren Gewichtung auf dem “auch”.
Mir kommen zur Zeit viele Erinnerungsfetzen hoch und öfter spüre ich auch die Passivität (oder auch von jetzt auf gleich übermächtige körperliche Schwäche), um die ich all die Jahre meinen (unseren) Vermeidungstanz choreografiert habe, der seinerseits immer wieder auch davon motiviert wurde, das Opfersein so etwas Ähnliches wie “schwach sein” / “unproduktiv sein”/ nichts (und niemand) sein (denn “das Opfer”= sächlich, ungeschlechtlich, ein Objekt) / “Passivsein” in unserer Gesellschaft ™ bedeutet.
Ich erlebe es im Moment als Selbstermächtigung mein Bild von mir anderen Menschen gegenüber zu vervollkommnen, indem ich offen mit meinem zum Opfer geworden sein umgehe.

Denn: Ich entscheide, wem ich – von Angesicht zu Angesicht! – sage, dass mir Gewalt angetan wurde und wann, wie und wo es was für mich und mein (Er-) Leben bedeutet.
Ich tue das unabhängig davon, ob die TäterInnen oder irgendjemand anderes dies bewahrheitet oder durch seine Aussage dazu definiert. Ich definiere mich selbst als zum Opfer von Gewalt geworden und erhebe den Anspruch an meine Mitmenschen, diese Definition anzunehmen, auch ohne Gegen- oder Mitstück, einfach, weil ein Gegen- oder Mitstück dafür sorgt, dass ich wieder zum Opfer werde, anstatt mich in meinem “früher einmal Opfer gewesen sein” zu stärken.

Mein Leben heute – nach der Gewalt – ist kein “Opferleben”. Es ist ein Leben nachdem ich zum Opfer wurde.
Das heißt, dass es völlig legitim ist, wenn ich meine frühere Opferschaft (meine Passivität im Vergleich zu einer zerstörerischen Aktivität) zum Selbstbild dazu zähle, denn ohne diese Erfahrung wäre einfach alles anders.

Ich bin das Gesicht meines Lebens nach der Gewalt. Ich hab eins. Ich hab ein Leben, ich hab ein Sein. Ich bin da, obwohl das, was mich gemacht hat, nicht mehr da ist.
Und darum gehts.
Es geht nicht um meine Schuldfragen, nicht um meinen Körper und seine Integrität, nicht um meine Rasse, Klasse, Alter, Geschlecht oder sonst irgendwas. Es geht darum, dass ich lebe, wie ich lebe und wie Millionen andere Menschen auch leben.
Und nur, weil man das nicht in so eine Illustration reinbringen kann, muss man nicht zum Symbolbild greifen.

Es reicht zu markieren, dass ES und DAS DA einfach nicht immer zu sehen ist, statt zwanghaft einfach irgendwas sichtbar zu machen und damit Normen zu produzieren, die zwangsläufig exkludieren.