übers Duschen, den Körper, die BÄÄÄMs

Jetzt schreibe ich hier und lasse dabei Wasser auf den Boden tropfen.
Lufttrocknung fürs Haar. Schädigt nicht so sehr wie Föhnen und frisst keinen Strom.

Ich stehe. Ich schreibe im Stehen, wie ich das seit einem dreiviertel Jahr immer mache. Tut einfach nicht so weh. Sitzen ist Luxus oder Anpassungsbemühen. Früher standen wir viel, weil es angeblich eine Kalorie mehr pro viertel Stunde verbraucht.
Stehen ist schonender. Schädigt nicht so und hilft bei der Heilung.

Ich war duschen. Naja, der Körper wurde unter die Dusche gestellt und gesäubert.
Es ist nicht mein Körper.
Je älter ich werde, desto mehr wird das Gesicht zu dem der Mutterfrau. Ich schaue einfach nicht mehr in den Spiegel, schminke mich nur selten; betrachte Pickel und wild wuchernde Augenbrauen als Nebenschauplatz der Natur.

Es ist nicht mein Körper.
Von je her gehörte er anderen Menschen.
Ich benutze ihn, wie sie. Nutze seine Fähigkeiten und alles Potenzial in ihm, wie ein Werkzeug.

Die BÄÄÄMs machen ihn zur Arena ihrer Kämpfe. Sie verletzen ihn, lassen ihn hungern, dursten. Stopfen ihn voll, und erzwingen seine Leerung. Reizen jede Möglichkeit bis zum Ende aus und lassen ihn dann liegen, wie ein benutztes Taschentuch.

Wir duschen nur 2 Mal in der Woche.
Ressourcenschonung ha ha
Katzenwäsche erfolgt 2 bis 3 Mal täglich – soviel zu Ressourcen

Niemanden interessiert dieses vernarbe, dicke Teil, dass uns durch die Weltgeschichte trägt, wie eine dieser Plastiktüten, die man im Zooladen bekommt, wenn man Aquarienfische gekauft hat. Wir haben niemanden, der ihn schön findet und benutzen will.
Gar niemanden außer uns.322304_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de

Es gibt ein Innen, das ihn ab und an verschenkt. Doch inzwischen ist die stetig vor sich in schwelende Verletzung, selbst für dieses Innen zum Hindernis geworden. Sein Instrument geht kaputt.
Unser Instrument? Ist es unseres? Ist es unser Körper, weil wir ihn benutzen?
Wir benutzen auch die Toilette, die Gehwege draußen, neben der Straße. Die Straßenbahn, die Luft die uns umgibt und trotzdem würden wir nicht behaupten, dass uns diese Dinge gehören. Wir haben sie nicht gekauft, nicht gebaut oder sonst irgendetwas dafür getan, dass es sie überhaupt gibt.
Das Gleiche gilt für den Körper.
Seine Entstehung war gar nicht geplant und vermutlich überhaupt erst gewünscht, als er da war und klar wurde, dass er nutzbar ist.

Wenn wir unter die Dusche gehen, dann bedeutet das meistens etwa 20 Minuten Hölle. Oder Reorientierung. Von der alten Hölle in die Gegenwärtige. Oder von der alten Hölle in ein Leben, in dem man ab und an gezwungen ist, bekleidet unter fließendem Wasser zu stehen.

Wir benutzen eine Seife, die schön riecht. Wir mögen Seifen, weil sie keinen schleimig glitschigen Film auf der Haut hinterlassen und weil sie auch ohne ökologisch fragwürdige Mittel produziert werden können. Ein Shampoo, das die Haare gut riechen und kämmen lässt, benutzen wir auch.
Alles ohne Schnickschnack.
Wir benutzen keinen körperverschönenden Schnickschnack, dann brauchen wir auch keine Reinigungsprodukte mit Schnickschnack.
Es könnte auch ein Duschen ohne Schnickschnack sein.
Ausziehen, drunter stellen, nass werden, einseifen, abspülen, abtrocknen, anziehen, fertig. In 5 Minuten durch.

Bei uns ist es:
Erlaubnis von innen abwarten
In ein Badezimmer gehen, das man nicht abschließen kann
(das Haus und die Tür sind alt- irgendein Vormieter hat den Schlüssel wohl mal mitgenommen und auf den Ersatz warten wir bereits seit dem Einzug letztes Jahr)
das Kippfenster verhängen, damit die Nachbarn nicht hinsehen können
den Handtuchschrank vor die Tür schieben
sich aus den Kleiderschichten schälen
die Wundauflagen abreißen

und ein Sturzflug in die Dissoziation
20 Minuten später überlegen, ob die Wundversorgung vernünftig gelaufen ist und darauf warten, wann die innere Erlaubnis kommt, sich um die Versicherung dessen zu kümmern
verdissoziieren, ob man es nun getan hat oder nicht
Fertig anziehen und nun, wo es langsam wieder wärmer wird, darüber nachdenken, ob man vielleicht eher jemanden findet, der den Körper haben will, wenn man sich die Beine rasiert und keine Strumpfhosen mehr trägt
Darüber nachdenken, ob man die Haare doch verkauft, sich vielleicht doch öfter mal schminkt und sich angucken lassen will… vielleicht mal in Kleidung, die etwas mehr als nur Verpackung ist…
Häme von innen, bestätigt von Werbefotos, Film- ,Fernseh- und irgendwie auch eigenen Idealen, markiert das Ende dieser Überlegungen und der Körperwidmung allgemein.

Es ist Instrumentenpflege eigentlich. Aber für wen und wozu- von Hygiene einmal abgesehen.
Das eigene Ideal weicht maximal von den biologischen und auch finanziellen Möglichkeiten ab. Zuletzt habe ich vor einem Jahr ein neues Kleidungstück gekauft. Eine weiße Bluse für 1,99€ im Laden für Second- Hand- Güter. Ich besitze Schuhe, die alle älter 7 Jahre sind und nur eines davon ist noch wasserdicht. Es ist das Paar, dass ich trage, wenn ich zu Terminen gehe und möglicherweise angeguckt werde. Das ist mir wichtig. Ich möchte nicht so arm aussehen, wie ich bin. Ich möchte meine Hässlichkeit nicht gesehen haben.
Die Menschen sollen sehen, was sie sehen, wenn sie andere Menschen ansehen.

Ich mache das für sie und nur auf der Ebene des Sichtschutzes für mich.

Früher wollte ich, dass andere Menschen meine Verletzungen sehen. Ich schnitt nicht umsonst die Unterarme, statt andere, weniger einsehbare, Bereiche des Körpers auf. Sie sollten es alle sehen. Mein Leiden, meinen Schmerz, meine Not. Sie sollten es sehen und mir helfen, wenn sie schon mein Weinen, die Misshandlung an mir nie sahen, dann wenigstens das.

Heute habe ich mehr in meinem Leben als den Schmerz durch Gewalt von außen. Heute sollen die Menschen auch das sehen. Doch welche Uniform tragen Menschen wie ich?

Was ich bin und was ich kann, ist unsichtbar. Kann nicht durch das Aussehen des Körpers transportiert werden, sondern ausschließlich von dem, was darin ist und dem was andere davon subjektiv wahrnehmen.

Mein Instrument taugt nur wirklich zu dem, wozu es benutzt wird.
Zum Leben.
Zum Gefäß meines Seins.

Das Sein, das es mag, wenn der Hund sich an ihn schmiegt. Das froh ist, um die Fähigkeit Texte zu produzieren um Inneres nach außen zu tragen. Das das Gefühl von Sonne mag, den Anblick der Natur, das Lachen, das Laufen, den Geschmack von Schokolade auf der Zunge, den Regen im Gesicht, das helldunkelbunte Glänzen der langen Haare, Musik, die bis in die kleinste Faser dringt… Das Sein, das gar nicht hässlich und eklig sein kann, weil es nicht so ist, wie der Körper. Das Sein, das froh ist, inzwischen so weit mit dem Körper verbunden zu sein, dass es diese Dinge spüren kann.

Doch wie oft habe ich gehört, ich sei hässlich? Nicht: Ich sähe hässlich aus.
Wie oft drangen Worte an mich, die mein Sein als abstoßend, zerstörenswert und dreckig benannten? Dabei war mein Sein nie mehr Dreck ausgesetzt als den dieser Worte.
Mein Körper hat diese Verbindung hergestellt. War der Verräter, der es nicht vermochte, mich davor zu bewahren damit konfrontiert zu sein. Er ließ doch diesen Hass zu mir durchdringen.

Oder wurde nicht vielleicht doch zu einem Instrument der Gewalt?
Wurde auch auf dieser Ebene nur benutzt, um mich zu ver-gewalt-igen?

Ich muss in diesem Körper leben. Lebe nur, weil er lebt.
Immer noch.

Wir alle müssen mit ihm zurecht kommen, egal welchen Platz wir ihm einräumen, was wir ihm zu gestehen, in wessen Hände wir ihn abgeben oder nicht. Das Schlimme daran ist für mich nicht, dass wir seine Existenz sichern müssen, um weiterhin zu leben, sondern die Tatsache, dass genau dies von meinem eigenen Innenleben und auch von dem Umfeld in dem wir leben, zur Definitionsfrage gemacht wird.

Ich denke immer wieder, dass ich für die Werbebranche eines der denkbar ungünstigsten Ziele bin, weil ich weder so aussehe wie die Menschen, die verschiedene Produkte be- (und er-) werben, noch in der Lage bin eine entsprechende Lebensrealität für mich zu erschaffen, in der mir weiche Haut, makelloses Make-up, lebenslange Dauerdiät und das wohlwollende Angeguckt werden wichtig sind. So wichtig, dass ich diese Produkte kaufe und ein Leben gemäß der Werbeversprechen führe.

Langsam beginne ich sogar für die BÄÄÄMs eine Art Bedauern zu empfinden, weil es mir vorkommt, als sei ihre Lebensrealität sogar von der Wahrnehmung dieser äußeren Möglichkeiten und Ansprüche unglaublich weit entfernt. Sie malträtieren diesen Körper- obwohl (und auch gerade weil) sie mitten drin stecken. In ihrem Denken gibt es, so verstehe ich ihr Geschrei, ihr Sein als einziges Zentrum. Völlig frei von fleischlich- körperlicher Existenz. Das Wissen darum, dass es den Körper gibt und, dass sie darin leben, haben sie. Sie wissen, dass auch sie mit dem biologischen Ende keine Handlungsmöglichkeiten mehr haben.
Doch das tut ihren Bemühungen keinen Abbruch. Sie existieren auch dann. Definieren das Leben als etwas, dass die alleinige Existenz eines- ihres- Seins beinhaltet. Nicht die Metabolisierung die der Körper vornimmt.

Ich bedauere das auf eine Art, weil ich denke, dass es für sie auf dieser Ebene des Da-seins keine anderen Empfindungen zu geben scheint, die mehr als das was und wer sie sind beinhaltet. Sie sind komplett auf sich angewiesen. Können nicht auch von den guten, schönen, wohligen Einflüssen, die der Körper nach innen zu leiten in der Lage ist, profitieren.
Irgendwie denke ich mir, dass es für sie so ähnlich sein muss, wie für mich früher. Eine ewig anhaltende Suppe aus Einflüssen die von außen auf mich und mein Sein einwirkte und wie Dreck an mir kleben blieb, obwohl ich mich vom Körper immer weiter entfernte.

Heute bin ich eigentlich ganz gern im Körper drin. Ich mag die Dinge, die ich vorhin aufgezählt habe, wirklich sehr gern und manchmal schaffe ich es sogar sie zu genießen. Aber die Instrumentalisierung des Körpers bekomme ich nicht weg.
Obwohl ich schon beim Schreiben gemerkt habe, wie grässlich es eigentlich klingt, wenn ich schreibe “Ich habe niemanden, der meinen Körper haben und benutzen will” oder auch, weil die BÄÄÄMs diesen Körper tatsächlich noch auf die gleiche Art und Weise zum Instrument zu einem mir unergründbaren Zweck machen und ihn dabei schwer misshandeln, wie jene, die auch mich früher misshandelt haben und mir dabei ebenfalls nicht gesagt haben warum.

Es würde mich interessieren, ob sie, wenn sie in den Spiegel schauen und die Mutterfrau erkennen würden, das Gesicht des Körpers vielleicht anstelle von mir mögen würden.
Und vielleicht für mich dafür sorgen könnten, unseren Körper weniger als Instrument, denn als echten Teil von uns anzunehmen. Ich frage mich, ob das funktionieren würde.

Und frage mich, ob wir noch die Chance haben genau das auszuprobieren, bevor der Körper unter den Folgen der Gewalt verstirbt und nur die Teile von uns, die wir alle mit unserem Schreiben und Wirken in die Welt gesetzt haben am Leben bleiben, die genau das gewünscht haben.

Buchbesprechung: "Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten" von Michaela Huber

“Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?”, fragt die deutsche 9783873875838
Diplompsychologin, Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin für Traumatherapie Michaela Huber in ihrem Ende April 2013 im Junfermann Verlag erschienen Buch “Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten”.

Zwischen diesen Buchdeckeln finden Opfer, TäterInnen und HelferInnen einen Platz, was in dieser Form einmalig ist. Die Autorin schafft es, mit zahlreichen Interviews, einer ausführlichen Falldarstellung sowie ihren Erfahrungen professioneller, aber auch persönlicher Natur, den Einfluss früherer (Bindungs -)Traumatisierungen als gewichtiges Element im Kreislauf der zwischenmenschlichen Gewalt im Großen wie im Kleinen klar darzustellen.

So wird zum Beispiel im Kapitel “Krieg im Alltag – und was wir tun sollten” anhand der Wirtschaftsbörse dargestellt, welches Maß an gewaltätigem Potenzial den darin arbeitenden Menschen abverlangt wird, um überhaupt erfolgreich zu sein. Eine Skizzierung der Weitergabe von Traumatisierungen und der Wirkung kompensierender Verhaltensmuster sowie der Veränderung selbiger finden sich im Kapitel “Kleine Studie in Bösartigkeit – und ihrer Verwandlung” und auch “Cherchez la Femme – Frauen transportieren die Gewalt weiter”.

Um die Darstellung von Ursache, Wirkung und Folgen von Gewalt geht es in weiteren Kapiteln mit jeweils unterschiedlichem Schwerpunkt. So finden sich Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychologie, ohne jedoch “eingleisig” zu erscheinen. Immer wieder wird auf andere Zusatzfaktoren hingewiesen. Zum Beispiel die unzureichende Finanzierung und den grundsätzlichen Mangel von ausreichend (intensiven) therapeutischen Angeboten im Interview mit Karl Heinz Brisch (Traumaforscher und Kindertherapeut sowie leitender Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital München), welches den treffenden Titel “Es gibt keine kindlichen Psychopathen – aber bindungsgeschädigte Kinder!” trägt, sowie immer wieder in vielen anderen Kapiteln.

Der wiederkehrenden Forderung “alle Täter raus – alle wegsperren – die sind alle krank” begegnen sowohl Michaela Huber als auch die von ihr interviewten Kollegen Marianne Wick (deliktorientiert arbeitende forensische Psychotherapeutin in der Schweiz) und Frank Urbaniok (Chefarzt der größten forensischen Institution Schweiz sowie Professor in den Universitäten von Zürich, Bern und Konstanz) mit Einblicken in ihre Beobachtungen und Erfolge ihrer Arbeit mit Straftätern, als auch mit der Beleuchtung der Steuerungsfähigkeit von Menschen und des Schuldprinzips in Bezug auf die Prävention von Gewalt(wiederholung).

Über psychotherapeutische Methoden und Heilungs- bzw. Veränderungswege gewähren das Fallbeispiel der “Frau K.”, zu welchem auch Renate Stachetzki (leitende Psychologin und Kunsttherapeutin im Plankrankenhaus des PTZ Kitzbergklinik in Bad Mergentheim) interviewt wurde, als auch der Austausch mit der sog. “Innenperson” Sandra in einer Klientin mit dissoziativer Identität und dem selbst zum Straftäter gewordenen “Herrn L.” sehr gute und durch ihre Vielschichtigkeit wertvolle Einblicke.

Zahlreiche Studien sowie Literaturverweise im Anhang ermöglichen zudem jederzeit ein “Abbiegen” in einen weiteren Teilbereich des Themenkomplexes um die Frage, wie man Ohnmacht und Gewalt beenden kann.
Die alltagsnahe Sprache sowie die klare Textstrukturierung ermöglichen eine leichte Annäherung an das Thema und werden seiner Komplexität und Tiefe dennoch gerecht.
So wird ein breiter Zugang zum Themenkomplex auch für Menschen ohne viele Vorkenntnisse ermöglicht.

Es ist ein Werk, das sowohl Fachwissen verschiedener Professionen als auch Mut zur Begegnung und Veränderung vermittelt.
Das Buch enthält auch einen Appell an die Politik sowie den, an die Courage des lesenden Menschen. Es ist Literatur, die allgemein mutig macht, weil sie sowohl Menschen, die an der Veränderung eigener Gewaltmuster und dem Kontakt mit den eigenen “inneren Oppositionellen” oder auch Täterintrojekten arbeiten (wollen), als auch PsychotherapeutInnen und den Verbündeten in anderer Funktion, eine Positionierung durch Verständnis ermöglicht, ohne auf die verbreitete “Gut -Böse”-Dualität allein zurückgreifen zu müssen.
Eine Positionierung zu finden, bedeutet “Boden unter den Füßen” zu haben. Einen Boden, der einen selbst trägt. Einen Boden, auf den man auch aufstampfen kann. Eine Grundlage, auf der man aktiv für eine Veränderung eintreten kann.

Das alles macht den Titel “Der Feind im Innern – Psychotherapie mit Täterintrojekten” zu einem wertvollen Stück Fachliteratur, aber auch Wegweiser im großen Rhizom der Frage: “Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?”

Ich persönlich bin froh und dankbar es gelesen haben zu dürfen.
Einfach schon, weil ich im Anschluss an die Lektüre ein Gefühl von Boden unter den Füßen und klarer Stärkung meiner Veränderungsimpulse feststellen durfte. Etwas, das mir für meine eigene Psychotherapie weiterhelfen wird.

 

 

Kurzsteckbrief zum Buch:
Michaela Huber
“Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten”
Erschienen am: 23.04.2013
Seitenanzahl: 368 Seiten
Umschlag: Kartoniert
Format: 17.0 x 24.0 cm
ISBN: 978-3-87387-583-8
Preis: 36,90€
Bestellmöglichkeit: Junfermann Verlag

die Sache mit dem Schreien nach Aufmerksamkeit

Da gab es einen Satz in der letzten Therapiestunde der mir sowohl “Autsch” als auch “Stimmt”- Impulse näher brachte:
“Wer schreit, kann nicht zuhören”

Wie wahr, wie wahr. Wenn jemand schreien muss, um gehört zu werden, dann bringt er in der Regel viel Energie auf und hat schlicht keine Kapazität mehr um zuzuhören. Ab einem Punkt gibt es auch keine Ratio mehr. Dann ist ein Level erreicht, in dem es nur noch darum geht, gehört und sich seiner angenommen zu fühlen.

Dieser Satz brachte mich zurück in meine Kinder- und Jugendpsychiatrie- , sowie meine Heimzeit als Jugendliche. Wie oft habe ich dort- ausgerechnet dort!- den Antisatz schlechthin gehört: “Ach- sie will ja nur Aufmerksamkeit.”? Ich habe es nicht gezählt.

Es ist ein Antisatz, weil er oft zur Sackgasse verleitet.
Wer in der Lage ist, jemanden schreien zu hören, der kann auch zuhören und entsprechend handeln. Sich mit einer Beschreibung bzw. auch einer Deutung eines Verhaltens darzustellen, als jemand der dies schon richtig einschätzt und damit sein (unter Umständen falsches) Handeln- oder auch Nichthandeln oder gar Ignorieren rechtfertigen darf, der nutzt etwas aus.
In meiner Klinik- und Heimzeit war es ein Machtgefälle.
Ich brauchte Hilfe und schrie es auf viele Arten heraus- und manche Helfer standen da, sahen dies und legten mit dem Satz “Ach, sie will nur mal wieder Aufmerksamkeit”, die Hände in den Schoß. Werteten meine Not ab und verstärkten sie damit gleichzeitig- denn die Verzweiflung wuchs: Da hatte jemand mein Schreien bemerkt- und mich doch wieder nicht wahrgenommen. Mir genug Aufmerksamkeit geschenkt, mein Schreien als solches zu hören- aber nicht genug um es anzuhören und sich mir in der Folge zu widmen.
Ich war auf Hilfe angewiesen und jene, die sie mir hätten zukommen lassen sollen, ignorierten sie aus was weiß ich für Gründen. Einen Vorteil hatten nur sie davon- ich konnte mich nicht mehr anders ausdrücken, doch jedes weitere Schreien konnte unter ihrer Deutungs/ Definitionsmacht weiter abgewertet werden. Egal was ich tat- es war nicht das, was zu dem führte, was ich brauchte.

Wenn wir Menschen geboren werden, können wir unter Umständen bis ins dritte Lebensjahr nichts Anderes tun, als mehr oder weniger artikulierte Schreie und Laute von uns geben. Die erste Form von Ausdruck über Befindlichkeiten und auch Nöte ist das Schreien.
Es ist ein Akt, der unglaublich viel Kraft abverlangt und deshalb im Laufe der Jahre immer gezielter eingesetzt wird, sobald das Gehirn soweit ausgereift ist, dass es klar und eindeutig Ursache und Wirkung miteinander verbinden kann. Bis es ein Gefühl für Selbstwirksamkeit gibt:
Ich schreie = das, was außerhalb von mir ist, reagiert darauf = mein Bedürfnis wird befriedigt

Auch wenn uns ein Herr Ferber etwas Anderes vermitteln möchte: Schlaflernprogramme funktionieren nicht, weil die kleinen Babys und Kinder lernen, dass Schreien nichts bringt, sondern, weil sie völlig erschöpft und leergeschrieen einschlafen! Im Gehirn des Kleinen lernt es vor sich hin:
Schreien (das Einzige mir verfügbare Mittel zum Ausdruck meiner Bedürfnisse) = keine Wirkung im Außen = keine Bedürfnisbefriedigung

Sind wir Menschen in der Lage Worte zu verwenden, Werkzeuge gezielt zum Ausdruck innerer Prozesse und Gefühle zu nutzen, brauchen wir nicht mehr Schreien oder auf unartikuliertes Ausstoßen von Tönen zurückzugreifen. Wir tun es aber trotzdem, wenn wir in großer Erregung sind. Wenn durch unsere Adern alles schießt, was da schießen kann. Angst, Schmerz, sexuelle Erregung, Freude,Verzweiflung. Selbst wenn kaum noch etwas schießt, zum Beispiel bei einer Depression oder im Sterbeprozess schafft es unser Organismus noch unartikuliertes Stöhnen oder Seufzen zu produzieren, um eine Ausdrucksmöglichkeit bereitzustellen.

Ist das nicht der Hammer schlechthin?! Was unser Körper alles an Kraft aufzubringen in der Lage ist, um eine Entlastung durch die Befriedigung unserer menschlichen Grundbedürfnisse zu erreichen!560693_web_R_by_Rike_pixelio.de

Warum fällt es so schwer, der Seele den gleichen Platz wie Hunger, Durst, Nähe- und Wärmebedürfnisse- ja sogar das Bedürfnis nach Spiritualität einzuräumen?
Weil sie unsichtbar ist? Die Bewertung der seelischen Bedürfnisse einzig subjektiv vornehmbar ist? Oder nicht vielleicht auch, weil unsere westliche Vorstellung von Gesundheit, nachwievor eine Trennung von Körper und Geist und Seele vornimmt?

Ich könnte jetzt einen kleinen Exkurs in Psychosomatik beginnen- mache aber doch nur einen kurzen Abstecher.
Jeder der mal Liebeskummer hatte, weiß, dass es gegen diesen Schmerz keine Tablette gibt- dass aber eine Selbstmedikation aus Selbstmitleid, Trost von außen und viel Schokolade sehr gut hilft. Will sagen: ja- da ist eine Trennung- doch nicht so eine Trennung als wäre die Seele ein eigenes Organ, ganz ohne Einfluss auf den Körper. Sowie anders herum Dinge, die dem Köprer zugeführt werden, einen Einfluss auf die Seele nehmen.
Das kann man in dem täglichen Miteinander voneinander lernen, wenn man sich einander widmet und seinem Schreien zuhört.

Ich habe es an mir gelernt, als ich begriff, dass ich immer dann den Drang mich aufzuschneiden spürte, wenn ich eigentlich das Bedürfnis nach warmer Nähe- nach liebe- und verständnisvollem Kontakt hatte. Ich einfach nur jemanden brauchte, der sich mir widmete.

Es ist tatsächlich ein Schreien. Ein unglaublich kräftezehrendes Schreien.
Wir mussten zu Klinikzeiten ein Protokoll führen, um das Muster der Selbstverletzung, der Essstörung, der Dissoziation zu erkennen. (Sidestep: Letzteres eigentlich ein Witz- wer dissoziiert, dissoziiert und handelt nicht bewusst- ergo planbar. Bewusstsein erfordert Assoziation- Dissoziation ist das Gegenteil dessen. Soviel dann zur Wirksamkeit von DBT bei ausgeprägter dissoziativer Symptomatik: ohne Hilfe (sich dem Patienten widmen!) von Außen kann so ein Protokoll nicht klappen.).

Dieses Protokoll half uns, das Bedürfnis, welches das Schreien (in diesen Fällen das Hungern und Schneiden) nötig  machte zu erfassen und auch zu reflektieren, wann genau der Moment vorbei war, in dem der “flüsternde” Ausdruck dieses Bedürfnisses nicht gehört wurde oder auch direkt übersprungen wurde, weil gemäß der Lernkette kein Flüstern lohnte.

Der Satz “Die will ja nur Aufmerksamkeit” ist etwas, das so eine “Ach- hier lohnt das Flüstern gar nicht”- Lernkette verfestigt. Er bestätigt die Lernkette: Ich sage etwas = niemand reagiert.

Man kann so eine Erkenntnis für sich haben. Natürlich. Man kann als Helfer da stehen und ein Verhalten für sich so einordnen. Aber dann muss ein weiterer Schritt kommen!
Im günstigsten Fall auf den Schreienden zu.
Dieser kann dann erfahren, dass seine Nachricht irgendwo angekommen ist. Und dann wird das Schreien verebben. Und DANN ist auch wieder Platz für Ratio und Zuhören.

Vorher nicht.
Ganz einfach.

Von Schreienden zu verlangen die Klappe zuhalten, ihren Ausdruck zu unterlassen, ist Gewalt.
Eine Gewalt mit der wir hier in unserer Kultur alle durch Bank weg, mehr oder weniger stark (und zerstörerisch) konfrontiert waren, als wir selbst Kinder waren. “Kinder soll man sehen- nicht hören”. Ein Satz aus der Jahrhundertwende. Heute sagt ihn niemand mehr- es wäre aber ehrlicher ihn zu sagen. Denn in vielen kleinen und großen Zusammenhängen erwarten wir Erwachsenen genau das von Kindern: “Sei still!”.
Und dieses Muster tragen unsere Kinder unter Umständen weiter. Es sei denn wir widmen uns ihnen und schaffen es ihre Perspektive einzunehmen und ihnen ihre Ausdrucksmöglichkeiten zuzugestehen. Diese zu akzeptieren und im Miteinander zu berücksichtigen.

Manchmal denke ich: “Ach Mensch, es ist doch so einfach eigentlich- wieso klappt das denn nicht? Gerade in Einrichtungen in denen viele Menschen sind, die vor sich hinschreien- sich vielleicht sogar richtig festgeschrieen haben. Es kann doch nicht sein, dass das immer und immer so ungehört bleibt! Es wäre doch im Vergleich schneller “erledigt”, wenn man sich ihrer annimmt…”
Ab und an habe ich den Verdacht, dass es vielleicht auch eine Angst gibt, das eigene Schreien nicht mehr gehört zu wissen. Als Helfer in der Not nicht mehr Schreien zu dürfen- seine Bedürfnisse nicht mehr ausdrücken zu dürfen. Als sei die Annahme anderer Menschen etwas, das eigene Nöte ausschließt.

Und tatsächlich finde ich diesen Gedanken oft bestätigt.
Es gilt als unprofessionell emotionale Tiefs zu haben und diese deutlich zum Ausdruck zu bringen. Als schwach gilt, wer Mitleid empfindet und selbst ein paar Tränen vergießt. Gerade im Bereich der Pflege, Pädagogik und auch im psychiatrisch- medizinischen Bereich.
Da gibt es die Vorgabe von strikter Abgrenzung und Unpersönlichkeit. So ein Ideal vom Halbg’tt in weiß, an dem alle Emotionen wie von gleichsam weißen Lotus abperlen. Wer dem nicht entspricht ist schwach, unprofessionell, nicht geeignet für seinen Beruf. Unterm Strich: minderwertig.

Ich will jetzt nicht dazu aufrufen, dass mir meine Therapeutin heute oder auch früher meine Betreuer oder die mich betreuenden Krankenschwestern hätten ihre Probleme erzählen sollen. ABER- ich hätte mit: “Ich habe heute einen miesen Tag- bin krank- meine Ohren und mein Herz sind heute überhaupt nicht auf für deine Not” oder auch “Ich sehe dich- aber ich habe keine Kraft/ keine Zeit/ keine Ideen um dir gerade gut und hilfreich beizustehen” lernen können:
Ich schreie = jemand hört mich, kann mir aber gerade nicht zuhören- ich muss warten/ zu jemand anderem gehen/ XY tun (vielleicht dem Menschen helfen?) = dann wird mein Bedürfnis befriedigt

Mit: “Du willst ja nur meine Aufmerksamkeit”
wurde nur gelernt, dass ich weiterschreien muss.
Und sei es meine Verzweiflung darüber, dass mich niemand wirklich hört. Wie früher. Wie damals, als so viel durch meine Adern schoss, dass ich nichts weiter tun konnte, als wie am Spieß zu schreien. Wie damals, als ich noch gar nichts anderes konnte als mich durch Schreien verständlich zu machen.
Und das vor Menschen, vor denen ich nur deshalb stand, weil bereits damals niemand zugehört hatte.

Ich bin froh und dankbar, dass ich heute viele Ohren habe.
Dass ich schreiben kann.

Und, dass ich heute gehört werde.

Fond "sexueller Missbrauch" die Zweite

Ich bin wütend.
Und enttäuscht.
Ich fühle mich wieder vergessen, als Opfer von organisierter sexualisierter Gewalt.
Weil Menschen hier lesen, die nicht so “im Stoff stehen”, folgt nun eine Erklärung.

Es geht nochmal um den Fond “sexueller Missbrauch”, der seit dem 1.5. 2013 offen ist.
Wenn Menschen Opfer einer Straftat werden (und Schäden davontragen), haben sie die Möglichkeit eine Strafanzeige bei der Polizei zu stellen und auch im Anschluss (oder parallel) einen Antrag auf Opferentschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) zu stellen.
Wer in der Lage ist, klare Angaben zu Tatzeitpunkt, Tatort, Täter und Tat selbst zu machen; emotional stark genug ist, sich dem was ihm passiert ist, zu stellen und darüber mit Fremden zu sprechen (und sich der Bewertung von Außen im Rahmen bürokratischer Lei(d) tlinien auszusetzen), kann von diesen Möglichkeiten profitieren. Ist der Täter tot, der Tatort eine Institution, der Schaden des Opfers eher psychisch denn körperlich, wird es schwierig. Sehr schwierig. Und in vielen Fällen dann auch noch umsonst.

Für Opfer von organisierter Gewalt, für Opfer die stark dissoziiert haben während der Tat (und vielleicht auch noch im normalen Alltag viel dissoziieren mussten- dies sogar noch heute als Traumafolge tun) und entsprechend keine klaren Aussagen machen können; für Opfer die nachwievor auf irgendeiner Ebene abhängig sind von den Tätern und für noch viele andere Opfer, die aus irgendeinem Grund aus dem Muster des “bösen Manns im Park” komplett herausfallen, ist das OEG in aller Regel keine Option.

Der Grund?
Die Notwendigkeit einer Strafanzeige, bei gleichzeitig nicht gewährleistetem Opferschutz. Die Vorgabe des Versorgungsamtes ist die Schadensersatzansprüche an den oder die Täter zu stellen und so “die Kosten wieder reinzukriegen”.
Das Problem dabei: Eine Strafanzeige kann nicht anonym gestellt werden. Ab dem Zeitpunkt der Anzeigeerstattung rückt man wieder ins Visier des/r Täter/s und ist dem Risiko von Gewalt- mindestens aber Drohungen und Konfrontation mit dem/den Täter/n und der erlittenen Gewalt ausgesetzt.
Die Folgen sind neben teils lähmender Angst und schwer (bis gar nicht) aushaltbare Erinnerungen, auch ein Unterwerfungsreflex. Ich habe es bereits zweimal miterlebt wie Opfer im Zuge dieser OEG-Verfahren zu den Tätern zurückgekehrt sind. Diese Rückkehr ist für mich nur logisch und ein Zeichen von Todesangst. Für das Amt aber gilt es als Täuschungsversuch und es droht ein Verdacht der Erschleichung von staatlichen Leistungen.
Was ich weiter miterlebte war der regelrechte Zerfall eines Opfers unter jedem Kontakt mit dem Versorgungsamt. Dieser Mensch war bereits multipel und spaltete unter diesem Einfluss erneut einen Teil seines Selbsts ab, um diesen Kampf überhaupt seelisch zu überleben. (Soviel zum Thema, ob man strukturelle Gewalt, als solche bezeichnen darf!)

Es gibt derzeit in Deutschland keinen vernünftigen Ort an dem Opfer von Gewalt sicher sind. Es gibt die Frauenhäuser (und die poplige Anzahl von 3 Männerschutzhäusern) doch die sind- Dank zahlreicher Kürzungen und nicht flächendeckender Präsenz gemäß des Bedarfs- meistens voll- wenn nicht sogar überfüllt. Außerdem sind es Zwischenstationen. Dort geht es darum Schutz und Hilfe zu bieten, um sich ein Leben neu aufzubauen, nicht ein Schutzschild gegen Täterkontakte zu bieten (auch wenn das natürlich passiert- trotzdem ist dies meistens kein Teil des Konzeptes).

Und nun war es dann 2010 soweit.
Die früheren Odenwaldkinder schaffen es ihr Leiden zu veröffentlichen. Die Opfer von (sexueller) Misshandlung in Kirchen brechen ihr Schweigen. Und plötzlich gibt es das Thema “sexueller Missbrauch” im Bundestag. Gibt es auch PolitikerInnen, die handeln wollen. Sie setzen sich mit HelferInnen und AktivistInnen an einen runden Tisch und überlegen, was gebraucht wird, um Prävention und Entschädigungen zu ermöglichen.
Und dann kommt ein Kellner mit einem silbernen Tablett herein, auf dem den Opfern von sexueller Misshandlung Scheiße mit Glitzer drauf präsentiert wird. Der Fond “sexueller Missbrauch”. Bis zu 10.000€ für jedes Opfer, dass einen Antrag stellt, der wiederum genehmigt wird.

Schauen wir uns doch mal diesen Antrag an.
Direkt zu Beginn heißt es, dass die Leistungen aus dem Fond nachrangig zu den bestehenden Möglichkeiten steht. Heißt: Wer sich nicht bereits durch OEG und Versicherungskämpfe gequält hat, hat (so verstehe ich das) Pech gehabt.
Weiter heißt es, dass Opfer von in Institutionen stattgefundener sexueller Misshandlung, Anträge stellen dürfen- diese aber noch nicht beschieden werden können, da die Verhandlungen mit selbigen und den Ländern noch nicht abgeschlossen sind. Heißt: “Sorry- wir mussten schnell machen- ihr könnt ja warten.”

Weiter geht es mit den Daten.
Zwingend sind Angaben zur eigenen Person. Logisch. Aber danke für den Hinweis.
Nicht zwingend seien Angaben zum Täter und zum Verhältnis in dem man sich zum Tatzeitpunkt zu ihm/ihr/ihnen befand. Wer in einer Institution sexuelle Misshandlung erlebte, darf aber davon ausgehen, dass diese Daten an die Institution weitergeleitet wird. Gemäß der Datenschutzrichtlinie versteht sich.
Aber ansonsten werden keine Daten an Dritte weitergeleitet- Aha.

Nächster Punkt kostenlose Beratung und die Lösung für alle Probleme die den Opfern entgegen kommen, wenn sie sich mit ihrer Misshandlung auseinandersetzen. Wenn man Probleme und Fragen zum Ausfüllen des Antrags hat, kann man sich an den “weißen Ring” wenden; wenn man psychisch dekompensiert, stehen alle Türen offen zu Psychotherapeuten und Beratungsstellen zu gehen.
HA HA HA HA HA HA
[an dieser Stelle kippe ich mir schnell mal ein Glas Milch in den Hals, damit mir nicht alles von diesem bitter- ätzenden Lachen weggefressen wird]

Ich habe natürlich keine Ahnung, wie es anderen Opfern geht. Aber ich für mich würde NIEMALS mit einem fremden Menschen über das, was mir passiert ist sprechen. Oder ihn mir gar in die Wohnung holen, um so einen Antrag auszufüllen. Oder mich irgendwo in der Öffentlichkeit, oder in einem Büro (einer fremden Umgebung) mit einem Fremden treffen, um diese Dinge zu besprechen. Niemals!
Selbst heute, wo ich mit jemandem vom “weißen Ring” zusammenarbeite und einen guten Einblick in die Arbeit des “weißen Ring”s habe, wäre das für mich eine nicht überwindbare Hürde.
Ich sitze hier und kann darüber schreiben. Völlig flüssig und klar- doch säße ich so jemandem gegenüber, würde ich dissoziieren (zu einem anderen Innen wechseln) und es schlicht nicht mehr können. Dann ist von Misshandlung nichts mehr in meinem Kopf. Nur noch nettes Lächeln und Hoffen, dass der Mensch mir nichts tut.

Ich bin privilegiert. Ich habe eine ambulante Psychotherapeutin und auch eine tolle Helferin in der psychologischen Frauenberatungsstelle dieser Stadt an meiner Seite. Mit einer von Beiden könnte ich diesen Antrag zusammen ausfüllen und mich auch im Falle von Flashbacks, Körpererinnerungen und ein Stück weit auch im Fall einer seelischen Dekompensation auffangen lassen.
Ich würde es aber nicht tun wollen.
Zum Einen mit meiner Therapeutin nicht, weil die paar Stunden, die ich bewilligt bekommen habe, zur therapeutischen Arbeit verwendet werden sollen- zur Heilungsarbeit (und nicht zur Dauerstabilisierungsarbeit) und zum Anderen mit der Helferin in der Beratungsstelle nicht, weil sie unser Krisenkontakt neben der Therapeutin ist. Der Ort, wo Stabilisierung passieren soll- keine Konfrontation! Wir brauchen diesen Ort unbedingt und unbedingt “sauber”- heißt frei von belastendem Material und voll von Gegenwart, die uns stärkt, wenn es uns schlecht geht.

Viele viele VIELE Opfer von sexueller Misshandlung, haben diese Privilegien nicht!
(Sexuelle) Misshandlung verstümmelt die Fähigkeit Beziehungen einzugehen und zu pflegen. Viele von Misshandlung betroffener Menschen, schaffen nicht einmal den Weg in Hilfen, weil sie diese Beziehungsarbeit einfach nicht packen. Und jene, die es schaffen, sind mit Wartelisten von bis zu 2 Jahren konfrontiert. Und das bezieht sich nicht nur auf ambulante Psychotherapeuten, sondern auch auf Kliniken. Nur 10% aller Menschen mit einer psychischen Störung, erhalten überhaupt die ihrer Diagnose entsprechenden therapeutischen Hilfe! (Quelle) Und diese ausschließlich so lange wie die Krankenkasse, die Kosten dafür übernimmt. Die Lei(d)tlinien dazu können (in Bezug auf Traumatherapie) gut auf der Internetseite der
“Initiative Phoenix e.V. dem Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie” nachgelesen werden.
Die Zulassung weiterer ambulant praktizierender Psychotherapeuten richtet sich nach dem Bedarf. Welcher wiederum irgendwann vor vielen Jahren scheinbar ausgewürfelt wurde oder was weiß ich. Der Bedarf ist schlicht nicht gedeckt.
Aber hey- die Leute vom Fond schicken sie dahin- weil: Ist ja da und etwas Anderes gibt es eben nicht.

Im nächsten Antragspunkt wird darauf hingewiesen, dass der Fond kein Ersatz für Schmerzensgelder oder Schadenersatzansprüche ist, sondern (so verstehe ich das) eine Beigabe. Für die oben genannten Ansprüche sind nur die Täter bzw. die Institutionen in den die Misshandlung geschah heranzuziehen.
Immerhin- wer von dort Geld bekommt, darf noch zusätzliche Ausgleichszahlungen einfordern.

Im letzten Punkt wird noch darauf hingewiesen, dass niemand einen Rechtsanspruch auf Zahlungen aus dem Fond hat. Diesen gibt es nur den bestehenden System (sprich OEG oder Kranken-Unfallversicherung).

Der Rest des Antrages- bis zu Punkt 6, der sich wieder auf die angegebenden Daten bezieht- dazu später mehr- ist Tatbeschreibung und Rechtfertigung der Antragstellung.
Wer hat was wann wie gemacht und wieso kommst du zu uns und nicht dahin, wo du eigentlich Hilfe kriegen sollst?
Für mich wirkt es so, wie mein erster Besuch beim Jugendamt:
“Da ist jemand der Kinder schlimm misshandelt”
-”Ja, dafür ist die Polizei zuständig”

Mit der Rechtfertigung- der Erlaubnis vor sich selbst, Hilfe zu beantragen oder einzufordern, verbringen die meisten Opfer, die ich kenne, sehr viel Zeit- eine bereits ihr ganzes Leben. Und dann, wenn sie das geschafft haben, sind sie auch noch dort, wo sie sie bekommen, dazu gezwungen diese Rechtfertigung erneut zu betreiben. Wer ein Herz hat und dieses ab und an mal fühlt, kann sich vielleicht vorstellen, was dann in den Menschen vorgeht.
Sie haben ein Recht auf jede Hilfe, die es gibt, doch fühlen sich wie Diebe und hinterlistige Bettler.

Punkt 6 ist wieder ein Datenhinweis.
Erst wird geschrieben, dass die Erhebung der Daten zu keinem anderen Zweck als den der Antragsbescheidung verwendet wird und dann gibt es doch noch das Kreuzchen zum Thema der Forschungszwecke, welche wiederum nicht näher definiert werden.

Zum Einen halte ich solche Doppelansagen für verwirrend und verunsichernd. Und zum Anderen frage ich mich, was zum Henker noch beforscht werden will. Es gibt bereits zig Studien aus der Wissenschaft, der Sozialforschung, der Psychologie und Medizin- bereits zig tausende Daten in den Versorgungsämtern. Was ist nun noch an Fragen offen? Eigentlich doch nur die Frage, wie man all diese bereits bestehenden Daten auf einen Haufen bekommt und sie auswertet. Oder habe ich etwas übersehen? (Kommentarfunktion ist an)

Wer Opfer von organsierter Gewalt wurde, könnte sich im Bereich “es waren mehrere Täter” bewegen. Könnte aber auch wieder nur Taten angeben, die in Deutschland geschahen. Kommerzielle, organisierte sexuelle Ausbeutung erfasst der Antrag überhaupt nicht. Bei einem Anteil von 15% aller Straftaten in der BRD die sich (laut BKS) auf Besitz und Verbreitung von Bild-Ton-Filmmaterial zur Darstellung sexueller Gewalt an Kindern (0- 14 Jahre) beziehen, ein Fail sondergleichen.
Was angegeben werden kann, ist dass die Taten fotographiert bzw. gefilmt wurden- die Abrichtung (sprich: Folter) zu besonders “gelungenem Material” wird nicht erfasst. Gilt vermutlich nicht als “sexueller Missbrauch”? (Wie gesagt: Kommentarfunktion ist an)

Ich persönlich bin enttäuscht und desillusioniert. Frage mich, wieso es möglich ist 5 Millionen Euro bereitzustellen, um ein zusätzliches Hilfsbonbon an alle Opfer von struktureller Gewalt durch die Versorgungsämter und Versicherungen zu verteilen- aber keine Millionen Euro für Opferschutzeinrichtungen, für mehr Therapieplätze. Für einen Polizeiapparat, der nicht allein auf Opferaussagen angewiesen ist, um etwas gegen das organisierte Verbrechen zu tun. Für die Reform der Lei(d)tlinien, die benannte strukturelle Gewalt überhaupt erst möglich machen und nähren.
Für ECHTE DIREKTE Hilfen.

Ich habe bei der Bekanntgabe geglaubt, es handle sich um eine Alternative von Hilfe neben dem Apparat den ich nicht nutzen kann, ohne mindestens meine (zugegebenermaßen beschissene- aber deshalb nicht weniger schützenswerte) Lebensqualität zu gefährden. Dachte wirklich: “Ah- eine Möglichkeit meine Therapie zu finanzieren, wenn die Krankenkasse meint, nicht mehr in der Zahlungspflicht zu stehen oder mir vermitteln zu müssen, dass meine Genesung für die Gesellschaft nicht tragbar sei. Wie schön- ich kann aufhören mich zu sorgen, ob ich auch hart genug in der Therapie arbeite- die Stunden genug nutze- mich mit Ängsten zu quälen die sich darum drehen, wo ich das Geld für weitere Stunden herbekomme, wenn die Kasse streikt… könnte aufhören mich zu geißeln, doch endlich wirtschaftlich produktiv zu werden, um die Verantwortung für meine Heilung gänzlich zu übernehmen. Könnte mich endlich wirklich richtig einlassen…”

Und dann das.
Wieder sehe ich mich durch ein Raster gerutscht. Wieder bin ich ein Grenzfall. Wieder ist mein Leid etwas, das Grenzen berührt- noch innerhalb etwas, das außerhalb der Norm liegt, unnormal.
Dadurch wird es wieder ein persönliches Leiden.
Was persönlich ist, ist persönlich. Nicht politisch. Nichts, was die Gesellschaft angeht.
Genau das vermittelt mir dieser Fond.
Und genau das ist das Unrecht. Das ist es was ich mit “Scheiße mit Glitzer drauf” benenne.

Die “DIS-Selbsthilfe Dortmund” hat zum 3.6.2013 eine Mitarbeiterin des “weißen Ring”s eingeladen, um mehr Informationen zum Fond “sexueller Missbrauch” zu erhalten. Der Flyer mit allen Informationen dazu, befindet sich im Blogreiter “Aktuelle Veranstaltungen“.
Sollten noch andere Vereine, Gruppen, Beratungsstellen solche Informationsveranstaltungen (bundesweit) planen, sind diese eingeladen mir ihre Flyer dazu zuschicken. Meine E-Mailadresse ist im Blogreiter “
über dieses Blog“, am Ende des Textes zu finden.
Weitere Informationen zum Fond “sexueller Missbrauch” werde ich je nach Kenntnisstand gern hier veröffentlichen, um allen Menschen, die nicht in der Lage sind, an diesen Treffen teilzunehmen oder mit MitarbeiterInnen des Fonds selbst oder des “weißen Ring”s direkt zu sprechen, die Möglichkeit zur umfassenden Information zu geben.

Außerdem interessiert es mich natürlich selbst sehr, ob ich mit meinen “Textübersetzungen” des Antrags richtig liege oder nicht. Deshalb an dieser Stelle die Aufforderung: sollte in diesem Text hier ein grober Fehler stecken, so schreiben Sie mich bitte unbedingt an und berichtigen Sie mich.
Ich bin dankbar um jede Rückmeldung in Bezug darauf.

zum internationalen Tag gegen Homophobie

Vor 23 Jahren wurde Homosexualität als Krankheit offiziell gestrichen- Homophobie bzw. Gewalt aus Gründen der Ablehnung von Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und Sexualität leben, hingegen noch immer nicht.
Der 17.5. ist der Tag an dem darauf aufmerksam gemacht wird.

Homophobie ist eine seltsame Sache.
Einmal wird der Begriff oft und gerne falsch verwendet. Woran das liegt, weiß ich nicht- wo er überhaupt herkommt auch nicht. Aber der Begriff der Homophobie selbst, sagt mir Folgendes:
Angst vorm Gleichen.
Nicht: Angst davor, das gleiche Geschlecht zu lieben bzw. von jemandem mit dem gleichen Geschlecht geliebt zu werden oder: Angst davor, mit Homosexualität konfrontiert zu werden.
Hier gibt es also eine Begriffsbaustelle, der sich bereits einige Menschen angenommen haben und schlicht von “Gewalt gegen Schwule und Lesben” sprechen und schreiben.

Dann haben wir noch eine weitere Baustelle: die Differenzierung zwischen Homosexualität und gleichgeschlechtlich gelebter Liebe.
Sex geht ohne Liebe- das weiß jeder.
Liebe geht immer und überall. In Bezug auf jedes Geschlecht.
Ich lese derzeit aber immer wieder von “mehr Rechte für Homosexuelle” oder von “den Homosexuellen”.

Ich für mich, habe da eine Trennung, weil Sexualität ein Handeln impliziert. Etwas, das man planen, also kontrollieren kann. Liebe ist etwas, dass einen überkommt. Ganz und gar. Wenn man liebt, liebt man- da gibt es keine bewusste Entscheidung und Kontrolle über diese Empfindungen gibt es nicht.

Diese Vermischung der Begriffe überall führt, so denke ich mir das, dazu, dass manche Menschen Schwulen und Lesben unterstellen ihr Leben (mit ihrer Liebe drin) komplett frei entschieden hätten. Sie könntens ja auch lassen. Könnten doch einfach auch einfach mit ihrem sexuellen Gegenpart leben und wären dann “normal”.
“Störrische Narren- lasst die Spielerei- kommt zur Vernunft*!”

Ich wittere da eine Phobie. Aber keine Phobie, die sich auf die Gleichheit bezieht, sondern eine Phobie, die sich um das, was einem selbst fremd ist, dreht.

Etwas interessantes an dieser Art Phobie ist, dass sie ausschließlich mit zunehmendem Wissen passiert.
Ich hatte mal einen Menschen an meiner Seite, der mich lange kannte und auch mochte. Ich verliebte mich in ihn und irgendwann war ich mutig genug, das auch zu vermitteln.
Der Mensch wandte sich sofort von mir ab und agierte auf Alltagsgewaltniveau mir gegenüber. Plötzlich kamen Worte wie “deine Neigung” auf. Dass ich einfach nur verliebt war- einfach nur einen liebevollen Impuls in Bezug auf den Menschen in seiner Gesamtheit verspürte und dies vermittelte, davon war gar keine Rede. Der Mensch fasste meine Gefühle als eine Entscheidung auf- stellte meine Gefühle auf eine Ebene mit meinem Handeln- und übersah dabei, dass ich noch überhaupt gar nicht gehandelt, sondern nur gefühlt hatte!

Liebe zu Menschen mit dem gleichen Geschlecht ist unsichtbar. Sie ist nur in den Menschen selbst drin und das ist für Menschen, denen diese Art der Liebe von sich selbst fremd ist, schwer aushaltbar. Für sie ist es ein Kontrollverlust und vielleicht mit Gefühlen von Ohnmacht verbunden. Manche Menschen können das gewaltfrei kommunizieren- manche jedoch nicht. Sie müssen diese Menschen abwerten, ihnen eine “Mehrebenenandersartigkeit” (biologisch, psychisch, sozial) unterstellen, um diese -in erster Linie vor sich selbst!- zu rechtfertigen.

Lange haben sich diese Menschen dazu sogar ganze Machtinstrumente zu Nutze gemacht bzw. machen können. So zum Beispiel die klinische Medizin (darin enthalten: die Psychiatrie), ja sogar die Staatsmacht bzw. dessen Instrumente der Rechtsprechung (z.B. § 175 StGB bis 1994).

Dinge die uns Menschen fremd sind, bezeichnen wir als “das Andere”. Es ist anders als das, was wir von uns selbst kennen, anders als das, was wir selbst tun. So verstehe ich grundsätzlich das viel praktizierte “Othering” von Menschen, die selbst weder Homosexualität noch gleichgeschlechtliche Liebe ausleben.
In Bezug auf die Gewalt, die von sich abgrenzende Menschen, gegen Schwule und Lesben ausüben ist es, meiner Meinung nach, nichts als Angst und der Wunsch andere Menschen zu kontrollieren. Weniger beängstigend zu machen, in dem sie eine Angleichung erzwingen wollen. Dies geht natürlich ganz erheblich leichter, wenn man emotionale Impulse auf eine Stufe mit (sexuellen) Handlungen stellt. Genährt wird dies, meiner Meinung nach, durch unhinterfragtes Weitertragen von Gedankengut anderer ablehnender Menschen und eben auch, durch die immer wieder betonierte Begrifflichkeitsverwischung.
Einem Beharren auf dem eigenen Erleben, als normhaft. Als sei die Norm der Status Quo, der ein friedliches Miteinander ermögliche und nicht die Akzeptanz, Toleranz und Respektierung von Menschen in ihrer Gesamtheit im Grundsatz.

Ich, für mich, lehne Antiparolen ab.
Halte es für unsinnig zu sagen: “Ich bin gegen Homophobie. Bin dagegen, das Menschen Gewalt gegen Menschen ausüben, die anders fühlen (und auch Sexualität anders leben) als ich.” Es ist wieder ein “Othering” und ein verbalisierter Ausdruck der eigenen Norm- nicht das Hinterfragen selbiger, was meiner Ansicht nach, gleichsam notwendig ist, um Gewalt aus dem menschlichen Miteinander zu bringen.
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Ich sage lieber, dass Liebe, Liebe ist und bleibt. Unerzwingbar, unkontrollierbar- und auch lebbar- in all ihren Formen. Dieses Leben muss im gegenseitigen Einverständnis gelebt werden dürfen und von allen Menschen gleich akzeptiert werden- egal, ob man sie von sich selbst kennt oder nicht.

Wir Menschen lieben, weil wir es können. Völlig gleich warum. Völlig gleich wen.
Dies als grundsätzliche Haltung zu etablieren sollte, meiner Meinung nach, der erste Schritt sein, wenn wir etwas gegen Gewalt aus Gründen der Ablehnung verhindern bzw. beenden wollen.

übers Schreien

Wer schreit, kann nicht zuhören.
Wer schreit, will gehört werden.

Wer schreien muss, dessen Flüstern wurde nicht gehört.

Wer verlangt, Schreiende sollen zuhören, muss warten.
Vielleicht auf den Moment, in dem er selbst das Schreien gehört hat.

 

 

Fortsetzung folgt

die innere Landkarte

In der Regel bin ich zuverlässig. So ganz grundsätzlich.

Zu Terminen bin ich lieber 5min zu früh, als nur 2 oder sogar zu spät.
Wenn mir jemand eine Aufgabe zukommen lässt, erfülle ich sie. Immer. Auch mit Grippe oder loderndem Höllenfeuer im Innen. Ich bin Eine von denen die hinterher zusammenbricht. Allein in ihrem Kämmerlein.
Passt schon- die meisten Menschen machen das auch so. Leistung ist alles und man selbst steht am Ende- dann, wenn alles gut ist und nichts mehr passieren kann. Der Job flöten geht, die Freunde weggehen, die Familie zerbricht oder sonst irgendetwas, das schmerzen kann.
So ist das Leben, so dreht sich das Hamsterrad und was dann kommt, geht niemanden etwas an.

Und dann “mache” ich Therapie.
BÄNG! Gehts um mich. Irgendwas mit Gefühlen und so. Irgendwas mit mir.
Und plötzlich wird es unbequem in meiner kleinen Selbst-Vermeidungsblase. Da klatscht mir was an die Front- tut mir was weh, erinnere ich mich an irgendwas, wird mir ein stetiger Schmerz bewusst und plötzlich ist das mit dem Zusammenklappen nach dem Stress deutlich als etwas, das mir schadet, weil es der Preis für Funktionalität überhaupt in irgendeinem Bereich ist.

Und mit einem Mal ist Zuverlässigkeit- das Ausführen eines Auftrages ein Kraftakt, den ich auch noch bewusst spüre.
Aktuell: eine innere Landkarte erstellen.

Was eine innere Landkarte ist?
Das Innenleben eines Menschen in Kunst. Gefühle, Gedanken, Innens, bei manchen Menschen auch innere Prozesse, die irgendwie dargestellt werden. Manche Menschen nennen es auch “Seelenbilder”.

Wir prokeln daran jetzt schon Monate.
Erst mal der Vermeidungstanz: “Neiiiiin – niemand soll uns sehen! Gesehen zu werden ist gefährlich! Wenn dich jemand sieht, kann er dich an genau der Stelle verletzen, die dir am Meisten weh tut.”
Wir wurden von Sadisten aufgezogen. Dass diese Sätze stimmen, ist einer der großen Wahrheiten unserer Kindheit. Dass diese Sätze nicht bei allen Menschen gleich wahr sind, war (und ist) Neuland, das immer wieder neue Überprüfung erfordert. In diesem Fall: die unserer Therapeutin.

Dann: “Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das anstellen soll. Ich bin eh zu dumm- das kann ich nicht. Da kommt doch nur wieder Mist bei rum. Ich verschwende Zeit und Ressourcen, die mir nicht zustehen.”
Schön nachquatschen, was von den BÄÄÄMs kommt. Wir sind ja dumm- das mit dem Selberdenken kommt irgendwie immer erst, wenn dann jemand von außen das Gegenteil über uns sagt.
Oder, wie dann jetzt, in einem Buch nachgelesen werden konnte, wie es manche Menschen schon mal gemacht haben.

Und dann: die Zerstörung von innen.
Inzwischen haben wir mehrere Anläufe gestartet. Mit Namen, ohne Namen, mit Farbe, in Bleistift. Alle sind auf mehr oder weniger mysteriösem Weg verschwunden, den Weg alles Irdischen gegangen oder wurden schon während der Erstellung zu einem Höllentrip aus Körpererinnerungen und innerem Hassgeschrei.
Vorgestern wurde ein Versuch (auf Stoff gemalt) zu verbrennen versucht.
Der Rauchmelder sprang an, versetzte das Innenleben in Panik und brachte mich dazu wie ein Mensch, der zu dumm ist ein Tischfeuerwerk sicher abzubrennen, bei der Feuerwehr anzurufen, damit hier keine Löscheinheit auf der Matte steht.

“Wo zum Henker ist das Problem?!”
Mir ist die Hutschnur hochgegangen. “Es kann doch nicht sein, dass manche von uns schon Sachen mit der Therapeutin besprachen, für die sie bis dato nicht einmal mehr als nur Bilder und Gefühle hatten und dann jetzt wegen sowas, so ein Aufstand passiert! Wie kommt das? Was soll das?!”
Vielleicht kann man sich das vorstellen, wie ein Rumpelstilzchen, das nebenbei versucht die Wohnung zu lüften, ohne, dass das ganze Haus nach verbranntem Acryl stinkt.

Ein echt dummes Rumpelstilzchen, das vergessen hat, wie “multipel geht”.
Selbstverständlich kann man krasse Sachen besprechen, noch während im Innen weite Teile keine Ahnung davon haben. Vielleicht noch nie in der Therapiestunde dabei waren. Vielleicht nicht einmal wissen, dass wir eine Therapeutin haben. Vielleicht noch ganz viel grundsätzlichere Dinge, überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Die nur genau wissen, wann es irgendwie um sie- uns geht und wann nicht.
Niemals würden sie Landkarten von anderen Menschen zerstören oder die gleiche Gefahr, die sie für sich- uns alle- wahrnehmen, bei anderen für gleich wahrscheinlich halten.

Also der Griff zum Tagebuch:
“Äh hint: die Therapeutin hat schon Bilder von uns bei sich im Schrank… nix passiert- alles tutti. Ich mache das hier jetzt- du kannst sie fragen. Wenn du rausfindest, dass das nicht stimmt oder sie irgendwas Schiefes darüber denkt, DANN darfst du Landkarte sogar für mich kaputtmachen- dann würd ich sie ihr nämlich auch nicht geben.” 274550_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de

Und nun?
Trocknet ein Landkartenversuch hier in aller Ruhe vor sich hin.
Es murmelt im Innen, ich sei schlampig, würde Ressourcen verschwendet haben, ich würde schon sehen, dass die Therapeutin mich auslacht, was mir denn einfiele jatatta jatatta jatatta
Aber sonst passiert nichts. Logisch- es ist ja auch noch nicht morgen. Dadurch, dass wir nun schon so lange daran rummachen, ist es auch zu einem Auftrag gegenüber der Therapeutin geworden- zu einem “Ich hab gesagt: “Ich mach das jetzt”- also mache ich das jetzt auch”. Wenn ich es nicht schaffe, ist es ein Versagen für mich. Irgendwie traurig, dass ich erst unter dieser Versagensangst mal auf die Idee gekommen bin, meine Ratio anzuschalten. Aber diese Versagensangst bringt mich überhaupt immer erst in unseren Lebensalltag.

Vermutlich hätte es nie geklappt, wenn ich mir nicht ständig selbst dieses Hamsterrad aus Angst und Entsprechungswillen aufstellen würde. Das Ding, dass mich Dinge schaffen und hinterher zusammenkrachen lässt. Vor lauter Entspannung auseinanderfallen lässt.
Nur diesmal, weil es um uns und die Heilung geht, ist es okay für mich.
Ginge es um eine Arbeit, meine Gemögten oder sonst irgendwas, würde ich mir über kurz oder lang einen Strick um den Hals binden.

So weiß ich: Morgen haben wir Therapie, da kann ich das Bild zeigen, wir können darüber reden und etwas verstehen und ich bin ein bisschen näher daran zu heilen. Ich bin müde und ausgelaugt- aber einen Schritt vorwärts gekommen. Dahin, wo wir hin wollen und weg von dem was wir nicht mehr wollen.

Und nebenbei hat jemand von den anderen Innens etwas gelernt, was ihm das Heute von Heute zeigt.