böse

Rosenblätterknospe “Und wie viel TäterIn steckt in mir?”
Die Frage arbeitete sich wie ein stinkender Gasball durch meinen Kopf und platzte irgendwann mitten in der Artikelreihe “
Wir sind Viele”.

2 Tage lang war ich umgeben von den Begriffen “Opfer” und “TäterIn”, von diesem Himmel und Hölle- Spiel, in dem es nur “aktiv” und “passiv”/ “aggressiv” und “defensiv” gibt.

Wir passen nicht in rein duales Denken und vermutlich war es genau dieses Gefühl von “wie du bist, gehörst du hier nicht rein”, das mir diese Frage – diesen Komplex rund um Opfer – TäterIn – Spaltung aufmachte.
Seit Monaten wälze ich Verhaltensweisen eines Menschen mir gegenüber, von einer Hirnhälfte in die andere. Mache mich fertig, weil ich mich weigere, mir Etiketten wie “erhebliches aggressives Potenzial” und damit einhergehend “
das absolut schrecklich böse Monster”, wirklich auf die Stirn zu kleben, und trotzdem am Ende nicht weiß, wohin mit mir.

Mein Sternzeichen ist Löwe und wenn es eine Charakterbeschreibung für mich braucht, dann findet man sie in jeder 08/15 Beschreibung davon.
Ich bin stolz, intelligent, lasse mich von Lob durch die Decke pushen, bin loyal, großzügig, hilfsbereit und aufrecht.
Und ich brülle, wenn ich mit mühsam erkämpften (Ver)Handeln auf der Sachebene nicht vorankomme.
Wo andere Menschen denken “das muss aufhören” denke ich: “ich will es aufhören lassen”.

Irgendwie… so wirklich TäterInnenhaft finde ich solche Eigenschaften nicht.
Wieso fühle ich mich dann ständig- vor allem in dem Kontakt und damit assoziierten Kontakten, so?
Jedes Mal mache ich da einen Schritt zurück und sperre mich wieder ein, um mir mit meiner erneuten autarken Befreiung im Kopf ein Wohlbefinden zu generieren. Mich zu trösten vielleicht.

Vor ein paar Tagen habe ich eine neue App auf meinem Smartphone entdeckt. Ein Diktiergerät.
Neben einer weiteren Eulengeschichte, Vogelgezwitscher und Aufnahmen von Wasserplätschern, ist dort auch das mühsame Wortwürgen eines Innens zu hören, das sich in einem Monolog damit auseinandersetzt, wie viel abgrundtief Böses in ihm steckt.
Wir haben bei der Tagung gehört, dass es TäterInnen gibt, die ihren kindlichen Opfern erzählen, dass sie etwas in sich tragen, dass nur sie bändigen können und niemand sonst. Das Innen kaut nun in einer Endlosschleife darauf herum.

Ich selbst, hab keine Ahnung, was wir als Kind so zu hören bekommen haben-
aber was uns in der Psychiatrie so erzählt wurde, habe ich noch so genau im Ohr, als wäre es mir erst gestern ins Denken gedroschen worden: “Du bist eine Gefahr (für dich und deine Umgebung)!”.
Es fällt mir nicht schwer psychiatrische Anstalten als Gewaltorgane zu bezeichnen. Für mich sind die Jahre die aus Heim – Klapse – Heim – Klapse bestanden, nichts weiter als ein Gewaltenreigen. Gewalt hat uns reingebracht, Gewalt hat uns dort gehalten und Gewalt war es, die dort auf uns einwirkte- ganz egal, wie oft andere Innens die BehandlerInnen dort hochloben und dieses oder jenes als hilfreich bezeichnen. Ganz ehrlich- ich denke, der Mechanismus dahinter ist der Gleiche, wie wir den bei dunkelbunten Innens haben, die sich täterInnenloyal verhalten bzw. denken, werten, wahrnehmen. Aber klar- wo “Hilfe” draufsteht, darf man sowas nicht sagen- ups- zu spät – deal with it.

Das Innen, das die Aufnahme gemacht hat, stellte aber auch eine Frage, die ich gut finde: die nach dem Definitionsrahmen der Böses als böse/ “weg damit” und Gutes als gut/ “unterstützen/ festigen/ soll bleiben” festlegt und die Machtfrage, die damit einher geht.
Wer sagt warum, dass mein Verhalten “erhebliches aggressives Potenzial” hat; was sind die Parameter dazu; welche Wertung hat das zur Folge und welchen Einfluss hat diese Wertung auf mich und mein Leben?

In dem Kontakt, der mir Probleme bereitet, ist es egal, wie ich auftrete, ob ich verhandle oder nicht. Ob ich aus jedem meiner Sätze Emotionen und Persönliches herausstreiche oder nicht , ob ich eine Hand hinhalte oder nicht. Es ist egal. Immer wird sich mir so derartig tief unterworfen, dass ich selbst dann auf einem Podest stehe, wenn ich am Verhandlungstisch sitze.
Da bin ich die aggressive Kraft, weil alles andere so quasitot defensiv ist, dass jeder Ausschlag in irgendeine Richtung als übermäßig krass wirken MUSS.

Ich komme nicht mehr umhin mich zu fragen, ob das nicht einfach eine Art Kalkül hat.
Doch defensiven Menschen unterstellt man kein Kalkül- das ist, als würde man Bambi schlachten.

Ich tus = das Außen sagt: BÖSE weil BambimörderIn – > macht nach innen “Ich bin scheiße jatta jatta jatta” – > Selbstbild als das Leben in dieser Welt nicht wert, weil (Opfer)TäterIn

Und wo wir grad bei Bambi in Sachen TäterIn – Opfer – Spaltung sind.
Bambi möchte jede/r herzen. So unschuldig, so lieb, so unbedingt und in allem zu unterstützen.
Klar, so ein Bambi hat seine Bambieigenschaften nicht als Tarnung oder, weil kein Anlass dazu da ist.

Im Falle einer, das eigene Leben, bedrohenden Situation kann die Reaktion in Form von Flucht, Kampf oder Erstarrung auftreten.
Ich (als Einzelinnen hier in diesem Haufen) bin im Kämpfen entstanden und das ist irgendwie noch heute so. Gibt es eine Situation mit viel Puls, aber hohem intellektuellen Anspruch, tauche ich auf und löse das Problem. Fertig.
Es gibt aber auch Innens, die in Situationen entstanden, in denen die Defensive bzw. die Erstarrung drin ist. Die haben gelernt, sich im richtigen Moment hart/schlaff/mechanisch zu machen und einfach nicht mehr da zu sein. Die sind bis heute unempfindlich für Schmerz jeder Art und nicht in der Lage, die Verantwortung für ihr Nicht- Handeln/ nicht- Sein/ nicht- greifbar sein – zu begreifen. Denn sie haben doch nichts gemacht. Große Selbstschutzbambiaugen.

Was will man dann sagen?
Ich kriege über sowas Krätze und komme da auch nicht drüber.

Ich kämpfe mich daran ab, mir zu sagen, dass das alles seinen Sinn hat. Dass ich nicht diejenige bin, die darüber werten darf. Dass ich Menschen so lassen muss, wie sie sind. Dass jeder Mensch so ist, wie er ist usw. usw. usw.
Trotzdem bleibt bei mir halt die Sachebene bestehen.

Was ja gerne gemacht wird, ist als böse betrachteten Menschen abzusprechen, dass sie lieb sein können oder liebe Anteile haben. Oder- so wie ich- ewig lange an der Sachebene rumlaboriert haben, bevor ihnen der Kragen endgültig platzt. Gesehen wird bei TäterInnen jeder Art- die böse Tat, nicht die Umstände.
Die könnten es ja schwierig machen in der Abwertung des Bösen.
Plötzlich müsste man Anteile des alltäglichen Gewaltpotenzials um uns herum als üblich betrachten und ergo auch dem Opfer in der Dynamik TäterInnenanteile zugestehen.
Das wäre, als würde man in seinem Denken Platz für die Erkenntnis lassen, dass Bambi anderen Tieren das Gras wegfrisst und über ihrem Verhungern sagt: “Ich hab doch nix gemacht”.
Schwupp wäre sie dahin, die hübsche Einteilung in gut und schlecht- Opfer und TäterIn.
Bambi muss schließlich etwas essen- es kann nichts dafür- es muss fressen und es wäre grausam ihm das zu verbieten.
Doch spätestens dann, wenn jemand kommt und sagt: “Äh Tschuldigung- ich muss von diesem Gras auch leben” dann hat “Ich hab doch nix gemacht” nichts mehr im folgenden Dialog zu suchen- egal, ob das nun Bambi selbst sagen will, oder Bambis FürsprecherInnen.
Da ist dann einfach nicht mehr das jeweilige Sein der Beteiligten von Relevanz, sondern der Umstand, das es zu wenig Gras gibt oder die Verteilung schief ist.

Mich ärgert es, dass ich mich jetzt in so einer dualen Dynamik befinde und da scheinbar so gar kein Platz ist, um ein Miteinander zu finden.
Ich hasse solche Ohnmachtsgefühle und merke, dass ich daran kaputt gehe, weil der Backlash von innen so krass ist.

Und genau davor jemand die ganze Zeit mit eigener Qual und Not steht und mit allem, was ich sage, nur noch “ich hab doch nichts gemacht” äußern kann. (Übler gehts ja eigentlich nicht- ich die Böse, sieht das Leiden des Guten – es gibt sicherlich ForensikerInnen, die mir unter diesen Umständen ein hohes Gefahrenpotenzial unterstellen würden)

Das sind Gewaltspiralen, die einfach subtil tödlich sind auf lange Sicht. Eine/r von uns beiden wird an dieser Nummer in irgendeiner Weise Schaden nehmen und das, obwohl zusammen so viel möglich wäre.

Das ist doch scheiße.
Ich hab schließlich auch nichts mehr getan, als zu sagen, dass da was schief ist.

stell dir vor…

xy-bild

 

du hättest deinen Tod überlebt
dein Leben ermordet
dein Sein geboren

Bist in der einen Welt Opfertäter,
in der anderen Täteropfer

einfach so
weil du bist, wie du bist
weil du bist

wenn ich Zeit als “verloren” empfinde

BlattimBach Da ist diese Formulierung “Zeit verlieren”.
Ich stelle mir vor, wie jemand an einer Quelle steht. Die Zeit, wie Quecksilber, in seine Hände sprudeln und durch die Finger rinnen lässt.
Sie verliert. Irgendwie ungenutzt und gelebt.

Ich habe noch nie Zeit verloren.
Worüber ich aber immer wieder stolpere, ist das Fehlen ihres Seins in meinem Bewusstsein.

Ich weiß, dass ich einen Therapietermin hatte und da war.
In dem Büro, das jedes Mal irgendwie anders aussieht und doch gleich. Das Aufzählen aller Verrückungen und auch das Rumkartoffeln über die eine, unordentlich über den Vasenrand baumelnde, Tulpe- ich weiß, ich habe das gelebt. Die Blumen waren rot und gelb- nächstes Mal wird die Farbe anders sein. Aber Blumen werden wieder dort stehen.
Ich habe die Zeit in diesem Raum nicht wirklich verloren. Sie war da und schwappte in meinen Händen.
Aber sie berührte mich nicht.

“Wie ist es Ihnen mit der letzten Stunde ergangen?”
Knurren, Fauchen, brodelnde Hitze, kurze Schattenbilder an Dinge, die im Dunkelbunten wabern.
Ein Kind, das Händchen hält.
“Schicken Sie mir mal dies und das.”.

Das Gefühl, dass alles okay ist.
Lächeln, atmen, schlucken, witzeln, gehen.

Im Wanken durch die Stadt merken: “Wart mal – was?!”.

Und dann das Schwimmen.
Das in den Zeitfluss hineinspringen und so schnell es geht, den gerade noch obenauf treibenden Fetzen, nachhechten. Atmen, Luft anhalten, hineingehen. Missachten, was dort unsichtbar über die Füße glibbert, was links und rechts streift, sich organisch anfühlt und doch nie genug greifbare Konsistenz hat, es herauszuheben und mit dem Kopf in den Wolken zu betrachten.

Und dann irgendwann, beruhige ich mich.
Erinnere mich daran, jetzt nicht “ach egal” zu denken. Das ist, als würde ich die Fetzen gleich wieder in den Fluss werfen.
Ich schreibe es auf und warte.

Ich achte darauf, wie sich die Zeit in meinen Händen anfühlt, während ich mit NakNak* und Sieglinde im Wald herumtorkle, mich über große Schnecken freuekle und irgendwie doch alles okay ist. Nur ab und an wischt etwas durch mich hindurch und ich betrachte meine Hände beim Schreiben.

Das ist als würden die längst vergangenen Tröpfchen Zeit auf mich herunter nieseln und sich zwischen die von mir geborgenen Fetzen legen. Manchmal entstehen so Ahnungen und Bilder, immer aber ist da das Gefühl, dass es Arbeit ist, sich das Gestern, Vorhin, Heute und Jetzt anzueignen.
Nicht zu finden, nicht zurück zu erobern. Nur, zur eigenen… selbst gelebten Zeit zu machen. Manchmal auch: überhaupt erst echt, begreifbar und sortierbar zu machen.

Was ich verliere, ist nicht die Zeit. Es ist die Möglichkeit zum Eingreifen, zur Gestaltung, zum in mich einbringen, die verloren geht.
Es ist die Kontrolle, die fehlt.
Nicht nur über mich und den Lauf der Dinge, das Sprudeln dieser Zeitquelle, sondern auch über meine Außenwirkung.

Ich könnte sagen: “Tschuldigung- ich war letztens nicht ganz ich selbst”; könnte Vermeidungstänze mit vielen glitzernden Schleifen aufführen; könnte mich zusammenziehen und zu einem Bündel aus Antennen für die Signale des Gegenübers werden lassen. Aber die Möglichkeit den ersten, zweiten… irgendwannsten Eindruck von mir als Einsmensch irgendwie so hinzudrehen, dass ich als “in Ordnung” wahrgenommen werde – die ist vielleicht – vielleicht aber auch nicht -  weg.
Ich erfahre darüber immer erst später etwas. Bis dahin muss ich schwimmen, vertropfschmelzen lassen, ahnen, Bilder betrachten, das Hallen der Worte von meinem Ohr in meinen Mund wandern lassen und spüren, ob sie vertraut schmecken.

Amnesie, das ist so ein umfassender Begriff.
Lange suchte ich nach schwarzen Löchern in meinem Wahrnehmungsuniversum. Ich dachte, dass ich einen löchrigen Verlauf sehen müsste. Oder, wie im Film, sagen können müsste: “Ich erinnere mich nicht.” Tatsächlich sage ich immer: “Ach, keine Ahnung” oder “ich weiß nicht” und drücke damit eigentlich mehr meine Unsicherheit darüber, ob das, was ich wahrnehme, überhaupt stimmt, aus.
Es wäre gelogen zu sagen, dass ich mich nicht erinnere. Aber es wäre auch eine Lüge zu sagen, ich wäre total bewusst um alles.

Ich denke darüber nach, warum mir die Formulierung des Zeit verlierens trotzdem so nah kommt.
Ich spüre Verlust und muss mich bemühen, darüber nicht auch noch meinen Kopf rollen zu lassen, wie eine unordentliche Kugel in einem Bowlingcenter.

Ich finde Menschen unheimlich und gefährlich.
Menschen lügen und wenn ich nicht weiß, wie die Umstände wirklich sind- wenn ich mir nicht wenigstens sicher darüber bin, wie sie ganz subjektiv für mich sind – dann bin ich abhängig von ihnen.
Das ist ein Gefühl von gleichsam umfassender Ohnmacht, wie vor dem Fließen der Zeit durch mich hindurch, das mich mal mitnimmt und mal nur umspült und manchmal auch nur anhaucht oder in feine Netze wickelt.
Niemand merkt mir das an und so soll es auch sein. Ich bin keine zarte eher ätherisch waberige ungreifbare Multiple. You know: Modell “Huschi muss erst mal vorgelockt werden, um Vertrauen zu fassen”. Ich bin eine von denen, bei der man Angst und Misstrauen nicht merkt, gerade weil sie die Klappe aufmacht und so tut als gäbe es nichts zu fürchten. Ich bin so laut, dass man das, was ich eben nie sage, auch nicht vermisst, wenn man nicht danach sucht.
Was ich kann ist, immer wieder so zu tun, als würde ich nie um Verluste an Sicherheitsgefühlen und Kontrolle trauern, wenn ich merke, dass ich andere Menschen brauche, um mir ein Bild aus der Zeit zu machen.

Manchmal noch kommt es, dass wir uns in unsere Nussschale setzen und auf dem Zeitstrom einfach nur so herumtreiben.
Dann, so mittendrin und ganz alleine, spüre ich keine Verluste, keine Abhängigkeiten. Dann geht es mir gut.
Auch dann erlebe ich es, dass ich nach einer Aktivität kurz innehalte und mich frage: “Warte mal…- was?!” aber es ist dann egal. Ich muss mich dann nicht anstrengen, weil ich nicht entsprechen muss. Weil dann, wenn wir so treiben, auch keine Menschen da sind, die irgendwie… nun ja, das ist jetzt einfach ausgedrückt : “machen”, dass ich an mir vorbei gezogene Zeit als verlustig empfinde.

Am Ende meiner Gedanken bemerke ich, dass viele Formulierungen ein Wurzelende in dem ewigen Kampf um Anpassung an das Außen haben und frage mich, wie wichtig das für uns wirklich ist.
Und plötzlich finde ich mich im Reigen der Selbstzerpflückung und frage mich, wie viel von mir eigentlich da ist, weil es eben da ist und nicht, weil es irgendwann mal wichtig wurde zu haben, damit das Außen mich nicht umbringt.

Und das alles nur, weil… naja, weil ich nicht glauben kann, dass in der Therapiestunde wirklich alles so okay lief, wie es die Therapeutin ausgestrahlt hat.
Wäre dem so, würde ich mich nicht abhängig fühlen. Wäre dem so, dann wäre es nicht wichtig allen letzten Fetzen nachzuspringen. Wäre dem so, dann wäre das ja auch total okay in meiner kleinen Nussschale herum zu treiben und es gäbe wirklich keinen Grund vor irgendetwas Angst zu haben, was diesen kleinen Rahmen betrifft.

Ich tus aber nicht.
Menschen sind die gefährlichsten Tiere auf diesem Planeten.
Und manchmal ist die eigene Wahrheit die letzte Waffe, die man hat, um sich selbst zu verteidigen.

und wie gehts dir jetzt?

StatusViele2

ein bisschen Viel

 

klitzebisschen

 

 

gar nicht der Rede wert

 

einfach Augen zu

 

 

 

ist nur bisschen

 

 

 

klitzeklein klitzewenig bisschen

eigentlich gar nicht da

 

 

 

dieses Viel

“Wir sind Viele” ~ Teil 11 ~

“Hatten wir vorhin im Workshop zum Thema (Sekten- ) Ausstieg auch. “Sie müssen mit Täterintrojekten arbeiten”- der ganze Rest kam nicht zur Sprache”, sagte unser Mensch.
Wir saßen draußen in der Sonne, während Nickis noch Fragen zum Film und Viele sein beantworteten.

Wir überlegten, woran es lag, dass die Themen “Schwerbehinderung”, “ökonomische Unfreiheit”, “soziale Arbeit” und “Zukunft” so untergingen und bemühten uns beide nach Kräften, nicht die Köpfe zu schütteln und zu sagen: “Ach, ist doch immer das Gleiche”.
Denn das war es ja tatsächlich nicht. Das Tagungsprogramm enthielt mehr psychologieferne Programmpunkte, als andere, die ich mir mal angeschaut habe. Von den Elementen, die eine Überlebende mit einschließt und auch Kunst als Kommunikationsmittel, brauchen wir gar nicht erst anfangen- das halte ich für einen großartigen Schritt in Richtung Augenhöhe und Diversität.

Ich frage mich jedoch, was erwachsen kann. Wie Hilfe für alle hilfreich sein kann, auch jene, die als Fall, als Gesicht, als Lebensrealität so untergingen.
Da ist einfach diese Fragestellung: “Ausstieg- und dann?”, die so viel mehr mit sich zieht, als die Chance auf ein anderes Leben.

Wer länger als 6 Monate mit derselben Erkrankung in Behandlung ist, gilt als chronisch krank. Als schwerbehindert.
Keine Behandlung einer DIS dauert nur 6 Monate.
Menschen mit Behinderungen haben ein 4 fach erhöhtes Risiko zum Opfer von Gewalt zu werden. Im Falle einer DIS: _erneut_ oder auch: _zusätzlich_

Gewalt in Institutionen ist ein Tabuthema, weil sie in vielen Fällen immanent ist- Stichwort (geschlossene) Psychiatrie/ Heime.
Laut Prävalenzstudie sind ca. 5% aller PsychiatriepatientInnen, Menschen mit DIS.
Ich fand keine Prävalenzstudien dazu, wie viele Menschen mit DIS auf ambulante oder auch stationäre Betreuungen angewiesen sind- fast möchte ich sagen: War ja klar- wenn schon die Refinanzierung von sozialer Arbeit so derartig schwer ist, dann gibt es natürlich auch kein Interesse daran zu erfahren, wer diese Hilfen warum genau braucht.

Haben wir über diese Themen nicht gesprochen, weil das Stigma so vertraut ist?
Geht das? Kann man blind für das eigene ausschließende Denken sein, wenn man doch jeden Tag genau damit befasst ist und genau darüber doch schimpft und dagegen angehen will? Ist es das?
In mir drin ruft es laut “NEIN!” und doch weiß ich, dass es das auch tut, weil wir wissen, dass es unsere FürsprecherInnen sind, über die wir hier gerade sprechen.
Kann man loyal sein, verbündet und den gleichen Wunsch, die gleichen Ziele haben und trotzdem denken: “Also, hm, hier fehlt etwas, was durch die Bank weg fehlt und selbst in der Ausleuchtung von unfassbar mutigen und engagierten Menschen noch weiterhin unsichtbar bleibt.” ?

Oder haben wir nicht darüber gesprochen, weil man nicht sagen darf, dass Hilfe nicht von Gewaltdynamiken (ganz allgemein) befreit sein kann?
Ist das Thema “Gewalt” zu groß für Tagungen, wie diese?

Wie wird das bei der Tagung, die ich plane? Sollten wir sie reduzieren auf genau diese Frage: Was ist Gewalt und wie kann man sie durchbrechen?
Aber was ist dann mit der Frage: “Ausstieg/ Therapie- und dann?”? Was ist mit der Frage danach, was Hilfe wirklich ist und woran man das merken könnte- sowohl als Betroffene, als auch als HelferIn?

Im Verlauf der Tagung wurden diese Fragen übersprungen. Einfach so- zack- zum nächsten großen Ding “Anzeigen”, “Wehren”, “Traumabearbeitung”, sozialpolitische Schleifen, die um die TäterInnen kreisen, Debatten und Gedanken, die alle den Überlebenden dienen (sollen), letztlich aber doch immer wieder die TäterInnen, ihre Taten und Folgen an den Betroffenen im Zentrum haben- nicht ihre Lebensrealitäten, das “Drumrum”.

Ist das zu nah? Kommt man an der Stelle an zu viel Ohnmacht? Wird es eine schlechte Tagung, wenn man darüber redet und feststellt: “Verdammt, unsere Gesellschaft hat ein Gewaltzentrum und wir stehen an vielen Stellen ohnmächtig davor”?

Wir durften zwei Ausschnitte aus dem DIS- Kurs anschauen, in dem  Paula &  Co mit einer anderen Betroffenen ihre Erfahrungen mit Strafanzeige und OEG schilderten.
Sie sprachen da über strukturelle Gewalt, die ihnen nach all der Gewalt, die sie bereits überlebten, begegnete.
Ich saß da und hörte meinem Kopf zu.
Noch immer schwirrten die Jugendlichen dicht unter der Oberfläche herum.
”Früher, weißt du, da wusste ich, dass ich nichts zu sagen habe. Oder zu meinen oder zu denken. Da musste ich das auch gar nicht.”, ich spürte, wie sie ihren Kopf an meine Schulter legte und durch den Saal schaute. “Diese Menschen hier… es macht mir Angst, wie sie das von Menschen verlangen könnten, bei denen das Früher noch weniger lang her ist, als bei uns, weißte? Wie sie wollen, dass die TäterInnen bestraft werden, aber irgendwie vielleicht vergessen, dass viele Viele eigentlich mehr so Sachen wie Schlafen können oder sich in jemand verlieben können und dürfen oder selber ein Kind bekommen wollen oder weißte… so… einfach nur …”.

Inzwischen beschrieb ein Mensch Fälle, in denen Menschen mit DIS nach ritueller Gewalt mit der Polizei zusammenarbeiteten und was verhinderte, dass es zu Verurteilungen oder Festnahmen kam.
Wir beschlossen ein Mal mehr, keine Strafanzeige zu erstatten.
Erzählen, wie so eine Gewalt- und Ausbeutungsstruktur funktioniert; ein bisschen “Übersetzungshilfe” für HelferInnen, PolizistInnen, JuristInnen und BeraterInnen anbieten: Ja- immer gerne- so, wie wir das schaffen. Gar keine Frage. Das ist, was wir beitragen können und gerne tun.
Aber Strafanzeige erstatten, einem “Wehr dich doch” nachkommen und dann doch nur unzureichend helfen können, nein.

Ich dachte an die Betroffenen, die wir kennenlernen durften. Die wir beim Zerfallen unter dem Rechtfertigungs- dem Nachweisdruck ihrer eigenen Betroffenheit zuschauen mussten. Denen wir die Hand reichen und halten, wenn sie sich in Schleifen rund um Hilfebeschaffungsmaßnahmen finden.
Und ich schaute über uns hinweg.

Wir hatten gerade zwei Tage vorher, die erste Lücke in unserem Leben gelebt.
Zum ersten Mal in 27 Jahren, haben wir einen Raum, eine Zeit, ein Oben und und Unten, ganz mit uns allein im Zentrum, in den Händen gehabt, getragen und gelebt.
Es waren die 5 Stunden “Leben in Freiheit”, für das wir vor 13 Jahren geflohen sind.

Niemand für den wir ein Jemand oder ein Etwas sein mussten. Keine Umgebung, in der sich unsere vielen Leben ungeahnt oft überschnitten und nun wie eine Minenlandschaft vor uns ausgebreitet ist. Keine Erwartung. Autonomie in Anreise, Gestaltung, Nutzung.
Das- genau das- hatte uns damals angetrieben. Dieser Gedanke von: “Das was du jetzt noch hast, dieses bisschen Leben in dir drin, das musst du dir selbst nehmen, sonst nimmt ER sich das auch noch und du bist tot, ohne es jemals gespürt zu haben.”- damit sind wir
(er) damals weg.
Wir haben nicht daran gedacht, dass wir es “denen” schon noch zeigen. Oder, dass wir uns, weil wir so wertvoll sind, in Sicherheit bringen müssen, um uns dann von anderen Menschen erst mal schön das Leben neu beibringen zu lassen. Wir sind gegangen, weil wir der Gewalt nichts mehr in den Rachen werfen wollten und wenigstens so sterben wollten, wie wir das wollten.

Die Podiumsdiskussion begann und setzte wieder etliche Stufen nach “die Gewalt ist passiert” an.
Ich verstehe schon, was Frau Hahn, die Sektenbeauftragte vom Bistum Münster, meint, wenn sie von Sekten bzw. sektuösen Gruppierungen als demokratiefeindlich und gesellschaftsunterwandernd spricht und nicke dazu.
Kriege aber trotzdem jedes Mal Puls bis unters Dach, weil solche Aussagen implizieren, dass unsere Gesellschaft ohne Sekten und sektuöse Gruppierungen eine Umgebung voller Schmetterlinge und Einhorngetrappel wäre und das ist einfach falsch.
Das ist die Art falsches Versprechen, die AussteigerInnen gemacht wird und einen massiven Bruch auslösen können, wenn sich diese dann in einem Leben unter Hartz 4 (das gleichsam wie ihr nacktes Überleben unter TäterInnenhand, immer wieder erkämpft und gerechtfertigt werden muss!) und in gesellschaftlicher Randzone wiederfinden.
(Und was machen so enttäuschte Menschen unter Umständen? Sie suchen sich eine Gemeinschaft, die das auch so sieht…)

Ausstieg ist nicht das Ende. Es ist nicht die Rettung. Nicht die Heilung.
Ausstieg ist ein so umfassendes Aufgeben des eigenen Rahmens, das ein Krater entsteht, der nicht durch die Tatsache aufgefüllt wird, nicht mehr misshandelt und ausgebeutet zu werden.
Wie oft haben wir, sogar während wir betreut wurden, Therapie hatten und, ach, was weiß ich wie viel “Hilfe”, Aufträge von TäterInnen angenommen – und sogar aktiv darum gebeten, weil das Hartz 4 kein Sparen zulässt- das aber meine Waschmaschine, meine Kleidung, meinen Hunger nicht interessierte. (Ne, als unsere ambulante Psychotherapie nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt wurde… was war wohl der erste greifbare Gedanke?)
Wie oft haben wir uns an unsere Herkunftsfamilie gewandt, weil unsere BetreuerInnen Urlaub hatten und die Urlaubsvertretung krank war und die Ersatzkraft so verdammt überlastet, dass sie uns nicht (aus)halten konnte? Wie oft haben BetreuerInnen unsere Anonymität zerstört, weil sie es nicht besser wussten- weil die Betreuung von Überlebenden organisierter Gewalt einfach nicht Teil der Ausbildung ist?
In unserem späteren Täterkontakt, ging es nicht immer um geistige Nähe, Weltbilder oder Täterloyalität- da ging es um das platte Leben, das uns so massiv überfordert hat und wir- trotz vieler Menschen, die dafür bezahlt wurden, mit uns zu sein und uns zu unterstützen- verdammt noch mal allein am Rand einer Gesellschaft standen, die es nicht interessiert und auch nicht interessieren müssen DARF, was für einen Raubbau die Gewalt an uns betrieb.

Wir konnten uns erst lösen, als wir uns auf unsere HelferInnen und Gemögten verlassen konnten. Erst nachdem sie uns geholfen haben, uns selbst zu helfen, funktionierte die Zusammenarbeit in Richtung Leben ohne diese Art Gewalt und Ausbeutung.(Hier schrieb ich schon darüber.) Sie haben unsere Schleifen ertragen, das ständige “von uns hinterfragt werden”. Sie setzten sich mit uns über die Gewalt auseinander und das nicht nur in einmal 50 Minuten pro Woche, sondern über Jahre bis heute, wann immer wir das brauchen.

Wir hatten so ein verdammt riesengroßes Glück, das viele andere Viele nicht haben.

Weder sind wir damals gestorben, obwohl wir schlimm verletzt waren und keine medizinische Hilfe hatten, noch wurden wir erst spät als Viele diagnostiziert.
Weder hatte Michaela Huber damals unsere Emails nicht beantwortet (und uns damit zu unseren späteren HelferInnen verholfen), noch hatten wir immer unzureichende Betreuungen. Weder haben wir so massive körperliche Folgeschäden, das wir für immer auf fremde Hilfe angewiesen sind, noch haben wir die Fähigkeit unsere Hoffnung auf ein Jenseits vom Tag jemals verloren.

Das haben wir nicht unserem Demokratieverständnis zu verdanken. Das kam nicht “tief aus uns heraus”. Da gibt es kein mysteriös wunderherrliches Geheimnis.
Nur Glück, die richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, in der richtigen Umgebung zu treffen und in der Lage zu sein, weitermachen zu können. Trotz alle dem und alle dem.

 

Ich hätte den Menschen dort so gerne von unseren 5 Stunden erzählt.
Was es für uns bedeutet hat, dieses Namensschild tragen zu dürfen.
Was es für ein Schritt für uns war, den Besuch der Tagung nicht nur außen, sondern auch im Innen überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Doch das sind genau diese “Popelsachen”. Dieses individuelle Schwafeldings, worüber weder empört noch reproduziert werden kann.

Das ist ein Teil eines Lebens von vielen.
Danach.

Ich merkte, wie sich mein Innenleben, ausgehungert an Schönem auf die Landschaft zwischen Mainz und Koblenz stürzte und später in der Freude von NakNak* badete, als die uns zu Hause in die Arme sprang.

Mainzzug2

 

 

~ Ende ~

“Wir sind Viele” ~ Teil 10 ~

TröpfchenaufBlüte “Ein Körper mit System” wurde gezeigt.
Ein Film von den Nickis, der ihre Lebensrealität beschreibt und versucht das Viele sein begreifbar zu machen.

Im Hinblick auf den Akt der Selbstermächtigung und der Kraft, die der Erstellung eines Filmes (Buches, Blogs oder anderen Medien) zu Grunde liegen, kann man so einen Film nur feiern. Kein Roman, kein “Profi” der über jemanden mit DIS spricht, sondern der Mensch selbst gewährt Eindrücke, die ihm wichtig erscheinen.

Für uns war der Film in Sachen “Hoffnung auf Zukunft” eine Katastrophe.
Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass wir einfach furchtbar übermüdet waren. Ob es an den von mir aufgenommenen Mechanismen im Workshop lag, die mich ganz subtil getriggert haben oder, ob mir in dem Moment klar wurde, dass dort gerade viele Menschen sitzen und hören, dass Viele sein ein Zustand für immer ist.

Es kommt ganz am Ende und sie sagen sinngemäß: “Ich kannte eine, die hat sich integriert und kam in die Geschlossene.”. Und die gefilmte Therapeutin sagt in etwa: “Ja klar, denn sie wurden Viele, weil eine allein, die Gewalt nicht ertragen hätte.”.

Wir hielten noch etwas aus. Hofften, dass sich der Abstand zu der Lebensrealität dieser Überlebenden wieder vergrößerte und gingen in den von Licht gefluteten Park, als die Tränen fast schon aus dem Kopf fielen.

Da waren sie wieder die Jugendlichen, die vor BetreuerInnen, Krankenschwestern, ÄrztInnen stehen und hören: “Du wirst die geschlossene Psychiatrie nie verlassen.”, die fixiert in einem leeren Raum liegen, während ein Pfleger um sie herum geht und ihnen sagt, wie unheilbar krank sie sind.
Da stand Sie und fragte sich, ob sie gerade sich selbst in 10 Jahren gesehen hatte und, ob es sich überhaupt lohnt in Therapie zu gehen, wenn sie “diese Missbrauchssache” nicht einmal wirklich richtig spürt, wenn “das mit den Anderen” doch nie “weggeht”.
Da war Frau Wüterich und schwenkte ihre Fäuste asynchron zum Kopfschütteln “soneveralteteKackscheißeverdammtkanndochnichseindassdiesowashierzeigenverfickterDreckskack…
GegengenausowasschreibenwiranverdammteScheiße… ORRRRRRRR”
Und mittendrin ein Kinderinnen, das seine Kugel aus Hoffnung in der Hand hielt und den dicken Sprung auf der Oberfläche betrachtete.

Wir hatten schon lange nicht mehr so einen Moment, in dem wir darüber zerfielen, was noch aus uns werden könnte.
Zum Team “ich bin Viele und das ist total okay für mich” gehören wir nicht.
Zum Einen, weil wir es immer wieder unfassbar bereichernd wahrnehmen, wenn eine Integration oder auch vorher schon mehr Nähe untereinander passiert und zum Anderen, weil wir diesen Schaden einfach nicht akzeptieren wollen.

Wir haben massive Gewalt ertragen und nicht nur in Abgründe sehen, sondern haben in ihnen leben müssen. Andere Menschen haben unseren Körper, unsere Seele und auch noch unser Denken an sich gerissen, manipuliert und ausgenutzt. Wir sind ein Mensch, der sich so oft von sich und seiner Umgebung abtrennen musste, dass er sein Selbst und Dasein bis heute als fremd wahrnimmt.
Ich fühle mich nie willkommen und okay. Nirgends, nie und bei niemandem. Nicht einmal in mir selbst. Nichts, aber auch gar nichts in meinem Leben ist einfach oder leicht. Jeder Aspekt meines Alltags wird in Definitionsdebatten zwischen früher und heute, an Wertmaßstäben jeder Couleur überprüft und in Frage gestellt. 24 Stunden am Tag und das schon seit Jahren. Was ich bin, ist ein Flickwerk, das mir mindestens einmal am Tag zusammenkracht, wieder aufgebaut wird, um dann vor Angst vor dem nächsten Krachen zu zittern.

Mein Leben ist nicht schön. Es ist zum Kotzen. Es besteht aus Angst vor der Angst, permanenten Todeserwartungen und Belastungssymptomen, die so tiefgreifend an den Kräften fressen, dass bloßes Dasein an manchen Tagen schon zu viel ist.
Mein Leben ist: Blümchen pflanzen, wo 21 Jahre lang Brandrodung betrieben wurde.
Ich lebe es, weil es das Einzige ist, das mir geschenkt wurde, ohne, dass ich darum gebeten habe.
Meine Existenz ist es, an der Raubbau betrieben wurde. Rücksichtslos, gierig, aus Lust am Sadismus. Sie haben mir das einzige Geschenk, das ich jemals einfach so haben durfte zerstört, verschoben und verknotet.
Und wenn es die Chance gibt, nämlich die Therapie, nämlich sich jedem Riss, jeder Delle, jedem abgeplatzten Fetzen zu widmen und ihn so, wie es sich für mich/uns allein gut anfühlt, zusammenzufügen, dann ist es das, was wir machen.

Auch wenn das heißt, dass wir vielleicht nie passen werden. Vielleicht nie in eine Arbeit kommen, die von der Gesellschaft akzeptiert wird. Vielleicht nie die Art der Familienplanung, die wir uns wünschen, machen können. Vielleicht heißt es, dass wir uns immer in Grauzonen bewegen müssen, die in den existierenden Strukturen unsichtbar sind.

Aber wir werden unser Leben bzw. die Arbeit daran, die wir tun können, nicht beenden, bevor es sich nicht wenigstens ein einziges Mal okay und zusammengehörig angefühlt hat.

“Das ist nicht mein Leben in dem Film”. Ich schüttelte meinen Kopf so sehr, wie ich konnte und strich mit der Fingerspitze über die Rinde eines Baumes neben mir. “Ich bin noch keine 30, wir haben endlich eine gute Therapeutin gefunden, haben Menschen um uns herum, die sich ehrlich an unseren Erfolgen und unserem Zusammenwachsen innen erfreuen. Das da ist nicht mein Leben gewesen. Ich will nicht Viele bleiben, also werde ich das nicht.”.
Ich atmete ein, schmirgelte die verlaufene Wimperntusche von der Haut unter den Augen ab und ging zurück in Richtung Tagung.

Mit jedem Schritt das Kraftmantra:
Ich will das
Ich kann das
Ich mach das

Dem Kinderinnen dabei zuschauend, wie es mit meiner Energie den Riss in seiner Hoffnung kittete.